Kultur : Der Penis des Präsidenten

ERICA JONG

Wir springen auf solche Geschichten an, um die Schattenseiten unseres Lebens zu sehen.Und mehr als Schatten zeigen sie auch nicht.Aber sie verraten unseren sich wandelnden Sittenkodex.Noch vor einigen Jahren genügte der bloße Hinweis auf krumme Touren eines Präsidentschaftskandidaten, um ihm den Garaus zu machen.(Denken Sie an Gary Hunt im Jahre 1990!) Heute sind die abendlichen Talkshows gespickt mit Witzchen über Knieschoner im Weißen Haus, und niemand scheint sich daran zu stoßen.

Hängt uns der Sex zum Hals heraus? Hat die Seifenopernmentalität die Politik so durchdrungen, daß wir uns von derlei Enthüllungen nicht mehr beeindrucken lassen? Wir wissen, daß auch Präsidenten ihre Schwachstellen haben, und Praktikantinnen sind Praktikantinnen.Oder fallen wir zurück in die heidnische Sicht auf die Götter, denen alle unsere allzu menschlichen Schwächen zu eigen sind, und lachen wir, weil wir uns in ihnen erkennen? Ich glaube, wir sind momentan Zeugen eines verzögerten Effekts auf alle jene Enthüllungen über FDR (Franklin Delano Roosevelt) und JFK (John F.Kennedy), die in den vergangenen Jahren unseren kulturellen Diskurs ausgemacht haben.Früher haben wir erst im nachhinein erkannt, daß unsere Helden auch nur Menschen sind.Jetzt erfahren wir es zeitgleich.Das ist der einzige Unterschied.

Bill Clinton paßt gut zum Archetypus des Lieblings der Götter.Warum sollte er sich bourgeoisen Zwängen beugen? Man erwartet von diesem überlebensgroßen Führer einen überlebensgroßen Appetit.JFK hat den Weg dafür bereitet.So wie LBJ (Lyndon B.Johnson) und FDR.Auch wenn die Presse sie zu Lebzeiten schützte, haben die letzten Jahrzehnte sie ihrer Geheimnisse beraubt.Da wir das Schlimmste über Bill Clinton bereits wissen, kann das Urteil der Geschichte ihn nur noch erhöhen.Schon hat es den Anschein, als wäre seine Ehre wiederhergestellt.

Es war in Frankreich auf der Höhe des Lewinsky-Willey-Wahns - kurz bevor die Paula-Jones-Klage gegen Präsident Clinton abgewiesen wurde."Selbstverständlich kann der Präsident nicht die Wahrheit über alle diese Frauen sagen", erklärte ein französischer Freund."Ein Gentleman spricht nicht über Damen.Das wäre schlechter Stil."

Ich hatte eine Vision von Bill Clinton, wie er zur Hauptsendezeit zur Nation spricht: "Ich bin ein Gentleman" sagt der Präsident, "und ein Präsident muß diskret sein.Um der Nation mit gutem Beispiel voranzugehen, möchte ich sagen, daß ich weder diese Frau noch jene noch überhaupt eine und schon gar nicht irgendeine angefaßt habe ..."

Die Franzosen meinen, der Penis des Präsidenten habe Anspruch auf Privatheit.Offenbar schließen sich auch die Amerikaner allmählich dieser Meinung an.Kürzlich ist mir ein Artikel der "New York Times" in die Hand gefallen, über Leute, die den Fernseher abstellen, wenn das Sexualleben des Präsidenten erörtert wird.Es scheint so zu sein, daß wir genauso wenig, wie wir uns unsere Eltern beim Sex vorstellen mögen, den Penis des Präsidenten unter die Lupe nehmen wollen.Oder wollen wir vielleicht seine Auffassung vom Vorspiel nicht schlucken?Vielleicht ist uns nach etwas mehr Kerzenschein und Champagner zumute.Nach ein paar Takten Schmusemusik?

Haben wir vergessen, daß der Präsident das Alpha-Männchen des Stammes ist und daß das Alpha-Männchen das jüngste und fruchtbarste Weibchen kriegt - mit oder ohne Vorspiel? Wie bei den Schimpansen und Gibbons verhält es sich auch beim Präsidenten der Vereinigten Staaten.Was das Alpha-Männchen will, kriegt das Alpha-Männchen.Evelyn Lincoln, JFKs Sekretärin, hat verraten, daß sie die Weiber mit Stöcken vertreiben mußte.Ist es sexuelle Belästigung, wenn Frauen den Präsidenten sexuell angehen? Reden wir nicht herum.Warum wollen Männer Präsident werden? Bestimmt nicht wegen der Gummiadler-Dinner.Jeder, der einmal mitangesehen hat, wie sich Frauen gegenseitig auf die Füße treten, um mit fetten Moguln fortgeschrittenen Alters zu turteln, sollte etwaige Zweifel an der Beliebtheit des präsidialen Penis ein für allemal aufgeben.

Sollte uns die gegenwärtige politische Szene in Verwirrung stürzen, sehen wir uns doch zur Orientierung das Königreich der Tiere an.Eine politische Karikatur zeigte kürzlich Elefanten, Zebras und Antilopen, die Bill und Hillary Clinton betrachten und sagen: "Was für ein seltsames Paarungsverhalten." Aber ihr Paarungsverhalten ist nur allzu offenkundig."Macht ist das größte Aphrodisiakum", sagte Henry Kissinger.Und der war bei weitem nicht so schnucklig wie Bill Clinton.

Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori

Erica Jong, 1942 in New York geboren, wurde 1973 bekannt mit dem Roman "Angst vorm Fliegen".1993 folgten ihre Memoiren: "Keine Angst vor Fünfzig".

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