Kultur : Der Pflanzentöter

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Frederik Hanssen beruhigt alle, die sich um Berlins Philharmonie sorgen

Damit war ja zu rechnen: Franz Xaver Ohnesorg bringt die Philharmonie zum Wackeln! Eine tragende Wand wolle er aus Hans Scharouns Meisterwerk herausreißen – außerdem habe er im Schutz der Sommerpause auf unzulässige Weise das denkmalgeschützte Haus umbauen lassen: „Die Scharoun-Gesellschaft verurteilt die Eingriffe auf das Schärfste.“ Ohnesorg, der in Berlin angetreten ist, um nicht nur alles anders, sondern vieles besser zu machen, sagt es nicht laut – aber sein Tonfall verrät, wie sehr ihn die Bremser nerven, die in der Hauptstadt immer und überall aufschreien, wenn jemand auch nur einen Millimeter vom Gewohnten abrücken will. Alles nämlich, was der Intendant der Philharmonie angetan hat, war zum Wohle des Publikums. Gut, ein Teil der Garderoben wurde entfernt. Dafür aber wird es einen neuen Shop geben, der auch tagsüber von der Straße her betreten werden kann. Und die hässlichen Verkaufsstände im Foyer verschwinden – genauso wie der rumpelige Sektstand. Elegant und großzügig wirkt Scharouns geniale Wandelhalle nun wieder. Doch die Gralshüter sehen die Vorteile nicht. Wo jahrzehntelang trauriges Grün vor sich hin mickerte, steht nun eine vieleckige Bar! Entsetzlich! Natürlich hat der Architekt den Zusatztresen 1963 dort nicht vorgesehen – doch wer je seine Pause mit Schlangestehen verbrachte und den endlich ergatterten Drink beim Klingeln auf Ex herunterstürzen musste, wird es zu schätzen wissen. Sicher, Ohnesorg hätte die Revolution diplomatischer einfädeln können. Aber die Art, wie Menschen Kultur genießen wollen, hat sich seit 1963 verändert. Irgendwann wird man das sogar in der deutschen Hauptstadt einsehen müssen.

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