Kultur : Der Plan hinter dem Plan

Wie sich die digitale Welt gegen uns verschwört: das Berliner Medienkunstfestival Transmediale.

Daniel Völzke
Adels
Nominiert für den Transmediale Award: Emanuel Adels interaktive Installation "knife.hand.chop.bot". -Foto: Transmediale

Auf dem Weg durch die Ausstellung, durch die verwinkelten Studiogalerien im Erdgeschoss und das großzügige Foyer, in den Konferenzräumen und in der Lounge kann man schnell vergessen, wie nah man hier doch dem so genannten Zentrum der Macht ist. Immer mal wieder tun sich Ausblicke nach draußen auf, auf Erdwälle, Wiesenfetzen, auf die Spree. Nur das Kanzleramt, das lediglich einen Steinwurf vom Haus der Kulturen der Welt (HKW) entfernt ist, bleibt die meiste Zeit unsichtbar. Und doch bildet es eine stets präsente Kulisse für das Kunst-Gesumm der diesjährigen Transmediale.

Nach zweijähriger Diaspora ist das Medienkunstfestival ins frisch sanierten HKW zurückgekehrt – und damit auch in der Tangente des Regierungsbezirks. In angemessener Aufsässigkeit hat der kanadischstämmige Stephen Kovats, neuer künstlerischer Leiter des sich selbst als „Festival für Kunst und digitale Kultur“ bezeichnenden Spektakels, das Motto „Conspire“, verschwör dich!, ausgegeben. Eine Palastrevolution also? Natürlich nicht. Natürlich ist alles viel komplexer, viel verwickelter. Aber es geht in der Tat darum, wer wen und wer was sieht. „Wir haben uns in der Vorbereitung mit mehrdeutigen Bildern auseinandergesetzt“, sagt der Medienkünstler und Architekt Kovats. „Anhand der Ikonografie des Konspirativen wollen wir untersuchen, wie Wirklichkeit wahrgenommen und konstruiert wird.“

Das Festival nähert sich diesem Thema mit einer Ausstellung, in Diskussionen und Vorträgen, mit Filmen und Performances, mit sehr unkonspirativen, demokratischen Mitteln also, wie es sich für eine Veranstaltung gehört, die mit jährlich 450 000 Euro von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird. Es wird einen Preis geben für das beste Kunstwerk und zum ersten Mal auch eine Auszeichnung für herausragende Theorieleistung. Ein Themenband begleitet die Konferenz; auch das ein Novum, das Kovats eingeführt hat. Mehr Öffentlichkeit kann ein Festival kaum herstellen.

Und doch: Das Motto „Conspire“ spielt auch treffend auf die verschwörerische Gemeinde rund um die Medienkunst selbst an, die manchmal nur mit tieferer naturwissenschaftlicher Vorbildung zu verstehen ist, auf eine Kunst, die sich manchmal so kryptisch gibt, wie die Verhältnisse, die sie zu kritisieren meint. „Conspire“ bezieht sich auch auf das umstürzlerische Treiben des Hackers, die Skepsis des gewieften Stubenhockers, die Fantasien des fusselbärtigen Science- Fiction-Fans. Medienkunst bündelt die verschiedenen Unternehmungen zu einer Art Parallelwissenschaft, die den Fortschritt der Technik begleitet, ihre Instrumente und Zwecke gesellschaftstheoretisch prüft, kapert und ad absurdum führt.

Wer im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens von der Transmediale noch das Pathos des Entschleierns, Aufdeckens und Enthüllens erwartet, darf sich besonders von der diesjährigen Ausstellung überraschen lassen. Auch Paranoia, Hysterie und Verfolgungswahn entfallen. Zwar dröhnt es hier und dort unheilvoll. Doch statt dramatischer Gesten stellen die Arbeiten eine Introvertiertheit zur Schau, die fast weh tut. Das beginnt bei der Ausstellungsarchitektur: Da hängen fünf schwarze Kisten in der Luft, die mit einer Kante den Boden berühren. Der Besucher kann sich darunter legen und die Filme anschauen. Es gibt viele leise Arbeiten, die feinen Zeichnungen von Eisbergen oder Wolken etwa, die Ilana Halperin präsentiert. Christoph Keller zeigt Fotografien von Flugzeugkratzern am Himmel, Bilder, die Verschwörungstheorien illustrieren, aber die Hysterie durch Schönheit dämpfen. Beim Betrachten setzt sich die Erkenntnis fest, was Paranoia doch mit guter Kunst gemein hat: Sie greift Erzählfragmente auf, wirft sie in neue Zusammenhänge und spinnt sie weiter. Die Intimität der Ausstellung ist durchaus gewollt: Conspirare bedeutet im Lateinischen „gemeinsam atmen“.

Das Festival sucht Nähe, vielleicht sogar Geborgenheit in der vermeintlich kalten Welt des Digitalen. Das Künstlerteam Knowbotic Research etwa fand im Internet einen Filmschnipsel über ein kleines Tarnkappen-Boot der Separatisten Tamil Tigers – und baute es als schnittige Skulptur nach. Die Gruppe Ubermorgen.com hat ein Programm geschaffen, mit dem sie beim Internetbuchhändler Amazon ganze Bücher aus der Vorschau kopierten, druckten und binden ließen.

In der Fülle an Informationen übersieht man leicht das Konspirative. Damit spielt die Transmediale; nichts schallt hinüber zum Kanzleramt. Das stärkste Bild für diese trügerische Introvertiertheit hat die Künstlerin Verena Friedrich geschaffen. Sie präsentiert eine Blackbox, die unablässig aus ihrer Umwelt Daten einfängt, Sounds, Bilder, GPS-Koordinaten, Luftdruck, Feuchtigkeit. Die Informationen speichert die Box auf einer riesigen Festplatte im Innern – und lässt sie nicht wieder los. Die Daten werden nicht ausgelesen und nicht zu einem Modell von Welt verrechnet. Oder macht sich der schwarze Kubus doch ein Bild von seiner Umwelt? Das ist Verschwörung in Vollendung: tiefstes Schweigen.

Haus der Kulturen der Welt: Das Festival dauert bis 3. Februar täglich von 10-21 Uhr, die Ausstellung bis 24. Februar täglich außer montags 10-20 Uhr (John-Foster-Dulles-Allee 10, im Tiergarten)

0 Kommentare

Neuester Kommentar