Kultur : Der Problem-Peer

Ganz Troll: „Peer Gynt“ in den Sophiensälen. Ein Gipfeltreffen der Berliner Off-Theaterszene

Christine Wahl

Bei Constanza Macras hat Ibsen keine Chance. Ihre farbenfroh kostümierten Tänzer zeigen sich genervt von den hausbackenen Bocksprung-Geschichten, die ihnen dieser Peer Gynt permanent aufdrängen will. Sie lassen den Uncoolen stehen und wenden sich ihrer eigenen Party, dem Macras-typischen Kindergeburtstagschaos zu. Die MTV-Generation interessiert sich nun mal nicht für faustische Bildungsreisen.

Mit diesem Auftakt hat man im Grunde schon die ganze Geschichte in den Sophiensälen verstanden. Eine gigantische gemeinsame Offensive der freien Berliner Theaterszene: Sämtliche Regisseure, die in der Branche Rang und Namen haben, von René Pollesch über Hans-Werner Kroesinger bis zu Jo Fabian oder Dirk Cieslak, bekamen eine oder mehrere Szenen zur Bearbeitung zugeteilt: „Peer Gynt“ als „Revue“ von dreizehn Inszenatoren, deren Handschriften ungefähr so weit auseinander liegen wie die nordische Trollwelt und die marokkanische Küste, in denen sich Gynt auf seinem Selbstfindungstrip herumtreibt. Bis kurz vor der Premiere hatte außer der künstlerischen Gesamtleiterin Susanne Truckenbrodt und dem Gynt-Darsteller Uwe Schmieder keiner den Überblick übers Gesamtprojekt, die Spieldauer konnte nur geschätzt werden. Zur Beruhigung: Es sind bloß lässige fünfeinhalb Stunden.

Wahrscheinlich hatte in der langen „Peer-Gynt“-Aufführungsgeschichte der Protagonist noch nie so wenig Text zu lernen wie hier. Schmieder ist Wahnsinn! Da es den Regisseuren bei diesem Inszenierungswettstreit weniger um das Stück als um die flächendeckende Präsentation der eigenen Originalität geht, überrollt man den Hauptdarsteller mit ehrgeizigen Regiekonzepten, in denen er eher geduldet als vorgesehen scheint. Wie Schmieder da seinen eigenen Trip findet; wie er durchs Stationendrama eher geworfen und gebeutelt wird als wacker strebt und dabei eine ganz eigenwillige Autonomie bewahrt – das verleiht dieser „Gynt“-Figur tatsächlich eine ungekannte Dimension.

Man muss sich diesen Abend ungefähr so vorstellen wie das Brainstorming einer fortgeschrittenen Ibsen-Seminargruppe, die eigentlich nichts mehr sucht, sondern nur noch findet. Und zwar das, was sie in sämtlichen Arbeiten vorher auch schon gefunden hat. Der Regisseur Martin Clausen zum Beispiel kommt auf die Bühne, hat – wie alle seine Kollegen – die eigene Crew mitgebracht, zeigt lustige Verhinderungschoreografien und erzählt die Geschichte, wie jemand ein Männchen mit Penis und Hodensack backen wollte und dann leider alles so aufquellen ließ, dass Penis, Hodensack und Männchen nicht mehr zu identifizieren waren. Ein Beispiel dafür, lässt Clausen uns wissen, wie eine richtig große Idee so richtig scheiße schief geht.

Passt super! Auf den Loser „Peer Gynt“ genauso wie auf die drei letzten Clausen-Performances, die man hier sah, und auf mindestens siebenundzwanzigtausend weitere Antihelden aus Literatur und Leben. Nächster Punkt: Der Musiktheater-Regisseur David Marton – Inszenator sämtlicher Szenen, in denen Gynts eigentümlich aufopferungsvolle Geliebte Solveig auftritt. Jelena Kuljic schreitet singend im roten Kleid über die Bühne. Gynt steht weit weg, schaut und schweigt. Die Liebe als Wille und Vorstellung: Passt immer und überall. Auch bei den Damen von She She Pop, die als gestandene Interaktiv-Performerinnen den Slogan „Du bist Gynt“ vor sich hertragen, Schmieder suspendieren und einen Zuschauer zu Sekt und Anmache in ein Separee bitten.

Peer Gynts Ego- und Selbstfindungstrip als Selbstbespiegelung der Berliner Off-Theaterszene. Die beiden klügsten Beiträge des Abends – Kroesingers und Polleschs Szenen zu Beginn des vierten Aktes – erschöpfen sich nicht in dieser Selbstbezüglichkeit, sondern sind in der Lage, sie gnadenlos zu reflektieren. „Pollesch liest Pollesch“ – er wirft in einer pollesch-typischen Wortkaskade so böse Fragen zur Selbstdefinition des Kantinenschauspielers als Subjekt und Metapher auf, dass man sich nicht sicher ist, ob man jemals so tief in sie eindringen wollte.

Der Dokumentarregisseur Hans-Werner Kroesinger schließlich setzt Ibsens Dramentext in Beziehung zu einer seiner legendärsten Umsetzungen – Peter Steins Inszenierung 1971 an der Schaubühne. Stein war damals der entgegengesetzten Konzeptionsidee gefolgt: Statt dreizehn verschiedener Inszenierungsperspektiven auf ein und denselben Gynt-Darsteller demonstrierte er seine eigene Regieleistung an acht Hauptakteuren. Kroesingers Schauspieler sitzen am Tisch und lesen aus den alten Protokollen. Was Wunder, dass Kroesingers Stein-Proben-Debatte den ultimativen Kommentar zum Abend liefert: „Beschäftigt man sich einige Zeit mit Peer Gynt, besteht die Gefahr, dass man sich mit ihm verwechselt.“

Wieder am 24. und 25. Juni

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