Kultur : Der Professor als Gemüsehändler

Über 20 Jahre hat Peter Kock Musical unterrichtet. Und bald 800 Mal in „Cabaret“ gespielt. Begegnung mit einem Show-Profi.

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Durchblick. Peter Kock als Herr Schultz in der „Cabaret“-Kulisse. Foto: Oskar Lebeck
Durchblick. Peter Kock als Herr Schultz in der „Cabaret“-Kulisse. Foto: Oskar Lebeck

Neulich ist es wieder passiert. Auf dem Viktoria-Luise-Platz. Der Schauspieler mit der hohen Stirn amüsiert sich. „Guten Tag, Herr Schultz“, hat ihn da ein ihm völlig fremder Mensch ganz selbstverständlich begrüßt. Dabei heißt er doch Kock. Und weil das so kurz und knapp ist, meldet er sich am Telefon vorsichtshalber mit „Hier ist der Peter Kock“.

Den Schultz jedenfalls wird der Kock nicht mehr los. Seit ein paar Tagen arbeitet er im Tipi am Kanzleramt daran, 800 Vorstellungen in der Rolle des jüdischen Gemüsehändlers im Musical „Cabaret“ vollzumachen. Viel fehlt nicht mehr. Kock ist seit 2004 dabei. Er gehört zur Erstbesetzung des von Vincent Paterson einst für die Bar jeder Vernunft inszenierten und oft wieder aufgenommenen Dauerbrenners. Kann sein, dass es sein letzter Sommerausflug zum Nollendorfplatz des Jahres 1929 ist, wo die von Christopher Isherwoods Roman „Goodbye to Berlin“ inspirierte und mit Liza Minnelli in der Hauptrolle verfilmte Berlin-Geschichte spielt. „Ich tue jedenfalls so, als ob“, sagt Kock. Und das ist es ja, worum es bei der Schauspielerei geht.

Schwer vorstellbar allerdings, dass ein anderer seiner späten Liebe – der von Regina Lemnitz gespielten Pensionswirtin Fräulein Schneider – ebenso hingebungsvoll einen Apfel poliert und mit so viel Würde die grüne Gemüsehändlerschürze trägt, wie er das auf der Bühne tut. In der tragischen Szene, als Fräulein Schneider ihm eröffnet, dass ihr mit verzagtem Herzen gegebenes Eheversprechen nicht der Warnung eines Nazis, besser keinen Juden zu ehelichen, standhalten kann. Der Schultz sei halt seine Lebensrolle, sagt Kock hinterher beim Plausch in der Tipi-Lounge. Der hat so eine spezielle Schüchternheit, die Kock auch selber kennt und für ein Begabungspotenzial beim Spielen hält. „Immer so wenig wie möglich machen, das ist die Grundlage der Schauspielerei“, sagt er.

Kock muss es wissen, er ist Professor. Vor 23 Jahren hat er an der Universität der Künste den Studiengang Musical/Show mitgegründet, seit 20 Jahren ist er dort Professor für Spiel und Darstellung. Ein Gemüsehändler mit akademischer Laufbahn also. Und auch da ruft den 65 Jahren alten gebürtigen Kieler, der mit seiner Frau in Schöneberg lebt, allmählich die Pension. Am 1. Oktober wird Kock emeritiert. Noch steckt er mitten im Hochschulbetrieb. Letzten Donnerstag, als die anderen Darsteller von „Cabaret“ der abendlichen Wiederaufnahmepremiere entgegenfieberten, hat er vormittags Tanzprüfungen abgenommen. Diese Woche werden die aus rund 200 Bewerbungen auf zehn Studienplätze gesiebten Neuzugänge weitergeprüft. Und abends wartet dann Herrn Schultz scheue Altersliebe darauf, von Peter Kock in Liedern und Dialogen mit Leben erfüllt zu werden. Eine Figur wie das Fleisch gewordene Gegenbild zum Musical-Klon oder der Tingeltangel-Rampensau, die man sich als Produkt oder Chef einer Musiktheater-Kaderschmiede so vorstellt.

Peter Kock lacht. Er glaubt nicht an das Prinzip Rampensau. „Das Bezaubernde geschieht in der Schauspielerei meist in der Bloßstellung, in der Stille.“ Und schablonenhaften Darstellernachwuchs für Musicalmultis zu züchten, das reizt ihn sowieso nicht. Lieber wolle er besonderen Persönlichkeiten den Weg ebnen, Begabungen, die nicht nur eine klassische darstellende Disziplin lernen wollen, sagt er. „Es geht um die Lust, sich übers Schauspielerische hinaus zu veräußern. Der Körper will mehr – der will singen, tanzen und spielen.“

Ihm selber ging das auch so, als er 1968 erst ein Studium der Theaterwissenschaft an der FU aufnahm und dann parallel an der Max-Reinhardt-Schule, dem Vorläufer der UdK, Schauspiel studierte. Damals sei die Trennung von U und E aber noch so stark in den Köpfen verankert gewesen, dass so etwas wie eine universitäre Musicalausbildung völlig undenkbar war. „Die einzigen Musicaldarsteller, die wir bis 1990 kannten, waren schlecht Deutsch radebrechende Amerikaner“, erzählt Kock. Da sei es ihm und seinem Kollegen Stanley Walden ein wirkliches Anliegen gewesen, nicht nur den ersten Studiengang dieser Art, sondern damit auch das deutschsprachige Musical zu entwickeln.

Ein Hang zur Sinnsuche und zum pädagogischen Wirken hat Peter Kock, der sich in der Studentenbewegung mit dem linken Virus infizierte, von Anfang an umgetrieben. Neben Fernseh- und Theaterrollen bei Wolfgang Staudte oder George Tabori spielte er in den Siebzigern am Grips-Theater, wo er später auch inszenierte. „Kinder- und Jugendtheater machen, das hatte buchstäblich Sinn – und das Wort ist wiederum der Grund, warum ich trotz der Engagements als Schauspieler und Regisseur zum Unterrichten gekommen bin.“ Dass dem verbindlichen Herrn mit dem norddeutschen Akzent und dem trockenen Humor der in der Schauspielbranche verbreitete Drang fehlt, Fixstern des eigenen Planetensystems zu sein, könnte dabei hilfreich gewesen sein. Und die zweigleisige Ausbildung als Praktiker und Theoretiker.

Seine Entscheidung bereut er bis heute nicht. „Die Arbeit an der Uni ist kreativer, als Theater zu inszenieren“, sagt er. Schöner Nebeneffekt einer Musiktheaterprofessur ist allerdings auch, regelmäßig genau das zu tun. Und die vielen Rollen, die stattdessen hätten gespielt werden können? „Denen trauere ich ein bisschen nach“, sagt Peter Kock, „aber dem immer neuen Ringen um Anerkennung gewiss nicht.“ Da ist das Hochschullehrerdasein in der Tat der ruhigere Job. Die Bitte der Universität, noch ein Jahr dranzuhängen, will er bei aller Liebe zur Lehre nicht erfüllen. „Die brauchen frischen Wind. Und ich bin jetzt noch munter genug, um erstmal eine Pause zu machen und dann was Neues anzugehen.“ Nämlich? „Och, ein, zwei Stücke sind auch bei mir noch uninszeniert geblieben.“

„Cabaret“ mit Peter Kock läuft bis

1. September im Tipi am Kanzleramt,

Di bis Sa 20 Uhr, So 19 Uhr

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