Kultur : Der ratlose Kontinent

Europa – wohin? Die konzertierte Intellektuellen-Aktion in europäischen Medien scheut die schmerzhaften Fragen

Richard Herzinger

Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Umberto Eco, Gianni Vattimo, Adolf Muschg und Fernando Savater und der US-Philosoph Richard Rorty haben in Artikeln für große europäische Zeitungen ein stärkeres europäisches Selbstbewusstsein angemahnt und für eine Entwicklung Europas zu einem Gegengewicht gegenüber den USA plädiert. Jürgen Habermas rief in einem Beitrag für die „FAZ“, den der französische Philosoph Jaques Derrida mit unterzeichnet hat, gar zur Herausbildung eines „avantgardistischen Kerneuropa“ auf, das den zögerlichen Teil des Kontinents durch sein Beispiel mitziehen solle.

Nun kann man nur begrüßen, wenn sich führende europäische Köpfe der überfälligen Debatte über die Aufgaben der europäischen Einigung endlich mit der Intensität annehmen, die deren historische Dringlichkeit verlangt. Durch den Irak-Konflikt ist dramatisch offenbar geworden, dass die geistigen und politischen Grundlagen einer europäischen Staatlichkeit erst noch zu erarbeiten sind. Doch mehr als das Verdienst, den drängenden Fragen über europäische Zukunft in eine öffentliche Dimension gerückt zu haben, kommt der jüngsten konzertierten Aktion der intellektuellen Gralshüter des „alten Europa“ kaum zu. Ihre Initiative tritt argumentativ auf der Stelle. Sie dreht sich weiter im Kreis der Selbstbespiegelung, in dem die europäische Debatte vor dem Ausbruch des Irak-Krieges befangen war. Die Beiträge diskutieren die potenziellen Gemeinsamkeiten und inneren Widersprüche Europas auf hohem gedanklichen Niveau. Wo sie aber politisch konkret werden müssten, bleiben sie in kulturhistorischen Abstraktionen stecken.

Habermas konzediert zwar, eine attraktive Vision für ein künftiges Europa könne heute nur „aus einem beunruhigenden Empfinden der Ratlosigkeit geboren werden“. Tatsächlich aber scheint er selbst ganz genau zu wissen, wofür Europa – im Gegensatz zu dem „hegemonialen Unilateralismus der USA“ - steht: für „die weiche Macht von Verhandlungsagenden, Beziehungen und ökonomischen Vorteilen“. Dafür müsse Europa „sein Gewicht auf internationaler Ebene und im Rahmen der UN in die Waagschale werfen“. Ende der idealistischen Durchsage. Die strukturelle Krise der UN, die neuartige Herausforderung des Völkerrechts durch den nichtstaatlichen Terrorismus und durch die Proliferation von Massenvernichtungswaffen an diktatorische Staaten – alle diese heißen Eisen, die die weltpolitische Debatte bestimmen, fasst Habermas erst gar nicht an. Dabei sind es genau diese Fragen, auf die Europa eine strategische Antwort finden muss, will es als weltpolitisches Subjekt an einer neuen globalen Ordnung mitwirken. Habermas’ Ausführungen fehlt die Bereitschaft zur selbstkritischen Bestandsaufnahme der Fehleinschätzungen und auch der verschleierten ökonomischen und geostrategischen Interessen, auf denen der erfolglose europäische Widerstand gegen die USA im Irak-Konflikt gegründet war. Gerade wenn man der amerikanischen Übermacht etwas entgegensetzen will, muss man aber zuerst die Gründe für die machtpolitische Selbstüberschätzung analysieren, die sich im französisch-deutschen Konfrontationskurs offenbart hat.

Habermas und sein Mitunterzeichner Derrida sind weit davon entfernt, die Auffassungen der andersdenkenden Europäer, namentlich die unterschiedliche Weltsicht der Osteuropäer, auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Gegen die dissidenten Regierungen wird ein angeblich authentisches europäisches Bewusstsein ausgespielt, das sich am 15. Februar, dem Tag der Millionendemonstrationen gegen den Irak-Krieg, offenbart habe. Habermas bezeichnet den Brief der acht europäischen Regierungschefs, mit dem sie sich im Irak-Konflikt an die Seite Amerikas gestellt hatten, polemisch als einen „Handstreich“, der „hinter dem Rücken der anderen EU-Kollegen“ ausgeführt worden sei. So einseitig lässt sich die Geschichte des europäischen Zerwürfnisses im Irak-Konflikt jedoch nicht abtun. Hatte Gerhard Schröder seine EU-Kollegen konsultiert, bevor er sich auf ein kategorisches Nein zu einem Irak-Krieg festgelegte, selbst wenn er von der UNO legitimiert sein sollte? Wer hatte Frankreich ermächtigt, sich als Sprecher ganz Europas aufzuspielen und von den anderen stille Gefolgschaft zu verlangen?

Zweifellos waren die Demonstrationen vom 15. Februar beeindruckend; wie die gesamte (west-)europäische Politik im Irak-Konflikt krankte jedoch auch diese Öffentlichkeit daran, dass sie ihre Einigkeit nur ex negativo, im bloßen Widerspruch zu Amerika definieren konnte. Aus diesem Affekt wird sich aber kein positives europäisches Selbstverständnis extrahieren lassen. Habermas zählt Traditionen und Werte auf, die Europa zur Grundlage einer gemeinsamen „Identität“ dienen könnten, und er betont: „Das heutige Europa ist durch die Erfahrungen der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts und durch die Erfahrung des Holocaust gezeichnet.“ Aber diese Prägung gilt für Amerika auch. Ob zu Recht oder zu Unrecht, der amerikanisch-britische Angriff auf den Irak hat sich genau auf diese Erfahrung emphatisch berufen, und den „Alteuropäern“ wurde von Amerika aus der Vorwurf gemacht, sie hätten mit diesem Verhalten eben dieses Erbe verraten.

Wie eine Replik auf Habermas’ Versuch, die Holocaust-Prägung allein für Europa zu reklamieren, wirkte da George W. Bushs Besuch in Auschwitz während seiner Staatsvisite in Polen – demonstrativ war er auch im Sinne der Polen, die es leid sind, sich von Westeuropäern über die sinnstiftende Kraft totalitärer Erfahrungen belehren zu lassen. Und die sich nicht verbieten lassen wollen, genau das hingebungsvoll zu praktizieren, wovon Westeuropa jahrzehntelang profitiert hat: die enge Anlehnung an Amerika.

Der Dichotomie „Europa versus Amerika“ bleibt besonders Richard Rorty in der „Süddeutschen Zeitung“ verhaftet, der die Europäer dazu aufruft, gegen Amerikas Weltherrschaftsanspruch standhaft zu bleiben. Aber was hieße das? Sich etwa zu weigern, unter den bestehenden Bedingungen am Wiederaufbau des Irak teilzunehmen? Rorty argumentiert mit der Emotion eines linksliberalen US-Intellektuellen, der sich wünscht, Europa möge der eigenen konservativen Regierung die Zügel anlegen, die ihr die linke Opposition im eigenen Land nicht überstülpen kann. Seine Verklärung der Motive Europas mag den konzertierten Intellektuellen helfen, den Verdacht des Antiamerikanismus zu zerstreuen. Aber die Tiefenstrukturen des Konflikts zwischen den transatlantischen Geschwistern werden so nicht erhellt.

Der Streit eskaliert ja nicht deshalb, weil die Streithähne so verschieden wären, sondern weil sie mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind, die sie nur gemeinsam bestehen können, auf die sie sich jedoch keinen schlüssigen Reim machen können. Es ist ein beiderseits beliebtes Spiel, Versäumnisse, Fehler und Unzulänglichkeiten auf den Partner und Rivalen jenseits des Atlantiks zu projizieren, um die jeweils eigene Verunsicherung zu übertünchen. So wird das Bild streng voneinander geschiedener Einheiten konstruiert. Doch es entspricht nicht der Realität einer globalisierten Welt, in der die Abhängigkeiten zwischen Amerika und Europa in Wirklichkeit wachsen. Europa wird deshalb paradoxerweise nur zu sich selbst kommen können, wenn es sich nicht mehr nur auf sein vermeintlich „Eigenes“ besinnt.

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