Kultur : Der Reform-Zar

KAI MÜLLER

Eine Ausstellung zu Alexander II.im Berliner Schloß BritzVON KAI MÜLLERAls der russische Kaiser am Morgen des 1.März 1881 von seiner Residenz Zarskoje Selo wie üblich nach St.Petersburg fuhr, warteten an mehreren Orten der Stadt Mitglieder eines revolutionären Tribunals mit selbstgebastelten Bomben, die sie in die Kutsche schleudern wollten.Der Ablauf war genau geplant, der mächtigste Mann Rußlands konnte seinen Jägern nicht entkommen.Die Detonation zerriß den Wagen, aber Alexander blieb unversehrt.Der Attentäter wurde gerade vorgeführt, als eine zweite Bombe explodierte und den Zaren tödlich verletzte.Durch diesen Anschlag wurde eine Reformperiode in der russischen Politik beendet, die 1855 mit der Krönung Alexanders II.verheißungsvoll begonnen hatte. Die Niederlage der russischen Streitkräfte im Krimkrieg bewies die Rückständigkeit Rußlands und bestätigte die Unregierbarkeit eines Reiches, dessen Bewegungsspielraum von Jahrhunderte alten Verpflichtungen beschnitten wurde.Alexander entschied sich für eine Revolution von oben, um die "Pulverkeller des Staats" auszuräumen.Sein Krönungsmanifest versprach weitreichende Reformendes Rechtswesens und der Verwaltung, eine generelle Amnestie für politische Gefangene, eine Lockerung der Zensur, sowie die Aufhebung der Leibeigenschaft.Alexander strebte eine Modernisierung an, die die Stabilität der bestehenden Staatsordnung keinesfalls gefährden durfte. Wieviel Realitätssinn besaß der Zar, daß er annehmen konnte, seine Reformen würden das Fundament nicht unterspülen, auf dem seine Macht ruhte? Die heute in der Kulturstiftung Schloß Britz beginnende Ausstellung über Alexander II.zeigt einen Monarchen, der eine umfassende humanistische Bildung genoß und unter dem starken Einfluß der europäischen Aufklärung stand.Zu seinen Lehrern zählten die liberalsten Köpfe des Landes, wie der Dichter Shukowski, der für den romantisch veranlagten jungen Mann sorgfältige Lehrpläne ausarbeitete.In den Räumen des kleinen Schlosses sind Uniformen, Gemälde aus den Privatgemächern, Handzeichnungen, Schulhefte, prachtvolles Geschirr und Gegenstände aus dem persönlichen Besitz der Romanows zu sehen..Den Höhepunkt der Ausstellung bilden persönliche Aufzeichnungen, Tagebüche, Skizzen und Dokumente, die erstmals in Deutschland gezeigt werden. Wer die zurückhaltende Publikationspolitik der russischen Archive kennt, kann ermessen, wie wertvoll eine Ausstellung solchen Umfangs, zumal in Deutschland, ist.Da der deutsch-russische Kulturaustausch vor allem durch strittige Fragen in Sachen "Beutekunst" vergiftet wird, setzt die Zusammenarbeit von deutschen und russischen Stiftungen, Archiven und Museen, die hier gelungen ist, ein willkommenes Hoffnungszeichen.Sie zeigt, daß die politischen Flügelkämpfe Freiräume öffnen, die eine mutige Initiative durchaus nutzen kann. Die gewaltigen Anstrengungen, die unter der Regentschaft Alexander II.zur Modernisierung von Wirtschaft und Staatsapparat unternommen wurden, trugen zur sozialen Entspannung nicht bei.Die sozialen Konflikte verschärften sich sogar, da die Liberalisierung des Rechtssystems Freiheiten suggerierte, die von einer verelendeten Landbevölkerung gar nicht wahrgenommen werden konnten.Sie litt erheblich unter unzureichenden Landzuteilungen und hohen Schulden.Der überspannte Terrorismus einer enttäuschten Intelligenz, die mit der Person des Zaren das gesamte System zerschlagen wollte, traf seinen gutmütigen Repräsentanten.Statt den Schutz seiner Wachen zu suchen, eilte er seinem verletzten Kutscher zur Hilfe, als die zweite Bombe geworfen wurde. Schloß Britz, Alt Britz 73, bis 5.Juli.

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