Kultur : Der reine Klang der Farbe

Bernhard Schulz

Die Kunst August Mackes zählt zu den festen Größen des Ausstellungsbetriebs. Seine farbfreudigen, strahlend leuchtenden Gemälde ziehen ein breites Publikum an, wie jetzt in Bonn, nicht seiner Geburts-, aber ab dem 13. Lebensjahr seiner Heimatstadt. Das dortige Kunstmuseum hütet einen umfangreichen Bestand, desgleichen das Westfälische Landesmuseum in Münster, und so liegt es nahe, dass die beiden Institute die Ausstellung "August Macke und die frühe Moderne in Europa" gemeinsam ausrichten.

Sie folgt recht dicht auf das durchaus verwandte Unternehmen "Die Ordnung der Farbe. Paul Klee, August Macke und ihre Malerfreunde" vom Sommer 2000, und beide Häuser erinnern sich gern des überwältigenden Erfolgs sowohl der Retrospektive von 1986/87 als auch an "Die Tunisreise. Klee - Macke - Moilliet" vor nunmehr 19 Jahren. Das Geheimnis der Mackeschen Popularität hat Franz Marc in seinem Nachruf auf den im Ersten Weltkrieg gefallenen Freund - Marc selbst starb wenig später - benannt: "Er hat von uns allen der Farbe den hellsten und reinsten Klang gegeben, so klar und hell wie sein ganzes Wesen war."

In Deutschland liegt ein Verdacht auf soviel Zuspruch, zumal nach den Verfolgungen, denen die moderne Kunst in der Nazi-Zeit ausgesetzt war, gerade weil sie anders und der NS-Terminologie zufolge "entartet" war. August Mackes Kunst - wenngleich auch von ihm Werke beschlagnahmt wurden - kommt so heiter, so mit sich im Reinen daher, wie es aus deutscher Sicht wohl nur dem französischen Impressionismus zukommt. Wie kein anderer deutscher Künstler der so ungemein fruchtbaren Jahre vor dem Ersten Weltkrieg hat Macke insbesondere die französische Moderne aufgesogen und verarbeitet. Die drei Reisen des Künstlers nach Paris 1907, 1908 und 1909 legten das Fundament, auf dem Macke die 1912 bei der "Sonderbunds"-Ausstellung in Köln und 1913 beim "Ersten Deutschen Herbstsalon" in Berlin gesehenen Novitäten des Kubismus, Futurismus und der Malerei Robert Delaunays für sich fruchtbar machen konnte.

Die derzeitige Bonner Ausstellung zieht ihre Berechtigung gerade aus dieser Perspektive, die die Vorbilder und Einflüsse aufzeigen und neben das eigene Werk Mackes stellen will. Die reiche Fülle des Mackeschen µuvres macht umso mehr Staunen, als der Künstler bereits im Alter von 27 Jahren, zwei Monate nach Kriegsausbruch, in der Champagne gefallen ist - in Frankreich, dem Land seiner künstlerischen Orientierung. An dieser Lebenstragik lässt sich erahnen, wie tief der Riss ging, der Deutschland ab 1914 von seinen Nachbarn abtrennte - und wie stark die Weimarer Republik unter dieser unrettbar beschädigten Beziehung gerade zu Frankreich litt. Mackes Kunst bezeichnet dagegen die glückliche Episode eines Austauschs, der nicht Nachahmung, sondern Anregung und Steigerung meint, abzulesen beinahe Bild für Bild an den 150 in Bonn gezeigten Arbeiten.

In Paris genießt Macke die Kultur des Flanierens und der Freizeit. Parks, Schaufenster, Picknick-Ausflüge bestimmen fortan die Wahl seiner Sujets. Macke ist nicht eigentlich der "Maler des modernen Lebens", den Baudelaire forderte; dazu ist dieser, den Impressionisten abgeschaute Lebenswandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon nicht mehr ein wirklich zeitgemäßes Thema. Mit der Großstadthektik eines Ernst Ludwig Kirchner weiß Macke ebenso wenig anzufangen wie mit der psychologischen Tiefensicht Edvard Munchs, den er doch als Maler so sehr bewundert.

Die flanierenden Damen vor Schaufenstern, die Sonntagsspaziergänge im Zoologischen Garten, die Seiltänzer vor Publikum - das sind die Sujets, an denen Macke sein eigentliches Interesse an der Farbe, ihrer Rhythmik und ihrer Simultankontraste auslebt. Als Ziel nennt er, die "raumbildenden Energien der Farbe zu finden, statt sich mit einem toten Helldunkel zufrieden zu geben." Freilich betritt er den Weg zur Abstraktion, wie ihn das bewunderte Vorbild Delaunay wagt, nur vorsichtig. Er hält am Gegenstand fest, wenn dieser auch der Farbe untergeordnet wird. Nur ein einziges Mal - und darum umso erschütternder - verlässt er die Farbe zugunsten braunschwarzer Düsternis: im Gemälde "Abschied", das den Zweittitel "Mobilmachung" trägt.

Während die Bonner Ausstellung Mackes Bilder für sich stehen lässt, werden Fragen nach Einfluss und Wirkung in den neunzehn Kapiteln des Katalogs akribisch aufgenommen. Gemeinsam bestätigen Ausstellung und Katalog die Erkenntnis, dass Kunst immer von Kunst kommt. Wie es ihm gelang, die begierig gesuchten Anregungen aufzunehmen und für Neues fruchtbar zu machen, das bezeichnet die staunenswerte Leistung des Malers August Macke.

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