Kultur : Der Rias-Kammerchor steht vor dem Aus - Interview mit Frank Druschel

Herr Druschel[der Rias-Kammerchor gilt als einer]

Eine der berühmtesten Institutionen des Berliner Kulturlebens steht zur Disposition: Der Rias-Kammerchor soll um ein Drittel seiner Mitglieder verkleinert werden. Über die Auswirkungen des Beschlusses, der in der vergangenen Woche von den Gesellschaftern der Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester und -chöre gefasst wurde, sprach Jörg Königsdorf mit Frank Druschel, dem Direktor des Rias-Kammerchores.

Herr Druschel, der Rias-Kammerchor gilt als einer der besten Chöre der Welt. Kann er das bei einer Verkleinerung noch bleiben, oder ist der Plan der Gesellschafter ein Tod auf Raten?

Das wäre tatsächlich das Ende. Der Plan , alle freiwerdenden Stellen nicht mehr zu besetzen, würde dieses Weltniveau in Kürze zerstören. Wenn die Verkleinerung von 35 auf 24 Stellen im Jahr 2011 erreicht wäre, läge das Durchschnittsalter der Sänger bei knapp 55 Jahren. Man hätte dann einen überalterten, nicht mehr konkurrenzfähigen Chor. Dann soll man uns doch lieber gleich abschaffen.

Kann eine solche Verkleinerung des festen Ensembles nicht durch einen Kreis regelmäßiger Aushilfen aufgefangen werden? Man könnte doch Sänger vom Rundfunkchor heranziehen.

Den Rundfunkchor mit heranziehen zu wollen, wäre illusorisch - der ist doch sowieso schon mehr als ausgelastet. Außerdem funktioniert ein Chor so einfach nicht. Es braucht Jahre, um einen spezifischen Chorklang zu formen, Stimmen wirklich zusammenwachsen zu lassen. Bei einem Orchester können sie ja auch nicht irgendwen an die Pulte setzen. Mit Aushilfen kann man nur in sehr begrenztem Umfang arbeiten, wie gerade jetzt bei der Matthäus-Passion, die René Jacobs mit 42 Sängern besetzt hat. Das heißt aber auch, dass wir bei einer weiteren Reduzierung solche Werke gar nicht mehr spielen könnten, wie übrigens auch einen großen Teil der zeitgenössischen Chormusik. Die Stellenamputation würde für uns gleichzeitig einen Zwangsverzicht auf achtzig Prozent unseres Repertoires bedeuten. Selbst wenn man es irgendwie mit Aushilfen versuchen würde, wären die dann so teuer, dass der gesamte Spareffekt zunichte gemacht würde.

Welche künstlerischen Aufgaben soll der Chor denn nach dem Willen der Gesellschafter wahrnehmen?

ROC-Intendant Rexroth hat in einem Positionspapier geschrieben, wir sollten dann eben mehr Renaissance-Musik machen. Aber erstens ist ein überalterter Chor da genauso wenig konkurrenzfähig, und zweitens hat sich der Chor sein weltweites Prestige mit Barockmusik und zeitgenössischen Werken erarbeitet. Leute wie Jacobs, Rattle und Herreweghe arbeiten ja gerade deswegen mit uns zusammen.

Wie haben die Gesellschafter ihre Entscheidung denn Ihnen gegenüber überhaupt begründet?

Bis jetzt gar nicht. Wir gehen an die Öffentlichkeit, weil wir die Debatte über die künstlerische Zukunft der ROC auslösen wollen, die intern im Vorfeld längst hätte stattfinden müssen. Aber mit uns als Betroffenen hat man nicht geredet.

Welche Gründe sind denn Ihrer Meinung nach für die Entscheidung gegen den Rias-Kammerchor Ausschlag gebend gewesen?

Wir können darüber natürlich nur spekulieren, aber für uns sieht das nach einer reinen Proporz-Entscheidung aus: Weil das Rundfunk-Sinfonieorchester als eine der ehemaligen Ostberliner Institutionen reduziert wird, muss eben auch ein West-Ensemble dran glauben. Das ist eine Salami-Taktik nach dem Muster der Berliner Kulturpolitik, bei der am Ende alle funktionierenden Ensembles kaputt gemacht werden.

Was würde die Stelleneinsparung beim Rias-Chor denn überhaupt finanziell bringen?

Wenn die Abschmelzung im Jahr 2011 erreicht ist, könnte von den 4,6 Millionen Mark Gehaltskosten des Chores etwa eine Million eingespart werden - bei einem ROC-Gesamtetat von 56 Millionen. Wegen dieser einen Million wird dem Berliner Musikleben unabsehbarer Schaden zugefügt. Denn es geht schließlich nicht um uns allein: Gerade bei der Profilierung Berlins im Bereich der Alten Musik, immerhin der größten Zuwachsbranche der Klassik, spielt der Chor eine zentrale Rolle. Es gibt sonst bundesweit kein Ensemble, das im Bereich historischer Aufführungspraxis auf gleichem Niveau Musik macht. Ich hoffe, dass der Beschluss der Gesellschafter noch nicht das letzte Wort ist und dass wir gemeinsam eine Lösung erarbeiten können, die die Sparvorgaben erfüllt, ohne den Chor zu opfern. Und wenn man uns schon kaputt machen will, soll man wenigstens dazu stehen.

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