Kultur : Der Schatz im Bildersee

Terrence Malick, Regisseur von „The New World“, ist der große Geheimnisvolle des US-Kinos. Annäherung an eine Legende

Georg Seesslen

Im Jahr 1973, man träumte gerade von einer Kino-Erneuerung namens New Hollywood, meldete sich ein gewisser Terrence Malick, 29 Jahre alt, mit einem Aufsehen erregenden Debüt, „Badlands“. Eine Außenseiterballade voller Melancholie und Magie, ein neuer Blick mit einem tiefen Wissen um Bilder, Menschen, Kinogeschichte. „Ich wollte den Film wie ein Märchen einrichten, außerhalb der Zeit, wie ,Die Schatzinsel’.“ Mehr brauchte Malick kaum zu sagen: Seine Filme geben Rätsel auf, sie sind voller Unschuld – und voller Wissen um die Verdammung.

Eine poetische Biografie, eine gewaltige Erwartung: Terrence Malick, geboren am 30. November 1943 in Waco, Texas, verbrachte seine Jugend als Wanderarbeiter und studierte Philosophie in Harvard und Oxford. Zur Legende gehört eine Pilgerfahrt zu Martin Heidegger in den Schwarzwald, zu den Fakten Malicks Beitrag zu einer englischsprachigen Ausgabe von Heideggers „Vom Wesen des Grundes“. Zurück in den USA, arbeitete er als Journalist, für „Life“, „Newsweek“ und den „New Yorker“. 1968 begann er, Philosophie am Massachusetts Institute of Technology zu lehren, um sich ein Jahr darauf im neu eröffneten Center for Advanced Studies des American Film Institute einzuschreiben, Drehbücher zu verfassen oder die Scripts anderer zu „reparieren“.

In diese Vita lässt sich leicht die Legende eines Cowboy-Philosophen hineinlesen, der jeden Glamour zurückweist. Aber vielleicht haben ihn seine Erfahrungen als Drehbuch-Doktor und Autor ja nur von Anfang an misstrauisch gegen die großen Studios gemacht. Malick wollte unabhängig produzieren, und deshalb dachte er sich für „Badlands“ eine Finanzierung aus, die es ihm erlaubte, unabhängige Big-Budget-Produktionen mit Stars zu realisieren. Das dauert allerdings jedes Mal; anders als etwa Robert Altman weigert sich Malick auch strikt, die Zeit zwischen zwei Projekten mit Auftragsproduktionen zu füllen. Auch daher die großen Pausen zwischen seinen Filmen.

1979, die Hoffnung auf New Hollywood ließ schon wieder nach, war Malick wieder da. Mit einem Film, der berückend schön war, gleichzeitig aber die Vorurteile gegen die neuen Regie-Genies zu bestätigen schien. „Days of Heaven“, die Geschichte von Bill und Abby, die 1916 im Strom der Wanderarbeiter an einen magischen Ort der Liebe und des Todes treiben, war eine große ästhetische Kaperfahrt. Malick überredete den Kameramann Nestor Almendros zu einer ersten amerikanischen Arbeit. Der bekam einen Oscar, aber beide wurden eines inhaltsleeren Schönschrift-Films bezichtigt: Merkwürdigerweise hat man nirgendwo so viel Angst vor Schönheit wie im Kino.

Terrence Malick hat ein Thema – die Begegnung des Menschen mit dem Bösen in einer gleichgültigen Natur – und einen Stil, bei dem man weniger an Romane denkt als an Gedichte. Er sei halb Engel und halb Teufel, sagt Linda Manz in „Days of Heaven“ zu Richard Gere. Aber Malicks Protagonisten sind immer auch ganz Mensch. Die Zeit für solche Filme, hieß es jedoch, sei vorbei. Sie seien nicht nur zu „schön“, sondern zu akademisch, zu vielschichtig, das Buch zu viel Literatur, das Bild zu viel Malerei, die Musik zu viel Oper. Das Publikum und die Kritik zeigten sich von „Days of Heaven“ enttäuscht. Malick schien aus dem Rennen.

1979 fuhr er angeblich zu Recherchen nach Paris und kehrte nicht mehr ins Land der Filme zurück. Auch da gibt es eine Legende: Paramount-Chef Charles Bluhdorn habe Malick eine Million Dollar zur freien Verfügung gestellt – falls er seinen nächsten Film an Paramount gebe. Der Regisseur hatte ein Projekt in Vorbereitung: die Erschaffung der Welt, eine Gottesfantasie. Aber wieder verschwand er von der Bildfläche.1991 wurde er in „Variety“ als vermisst gemeldet. Dabei brauchte die Traumfabrik, nachdem aus New Hollywood das Blockbuster-Kino geworden war, dringend ein Genie. Ein mysteriöses, überlebendes Genie.

Die Produzenten Bobby Geissler und John Roberdeau setzten sich unermüdlich für die Finanzierung von Malicks nächstem Projekt ein, „The Thin Red Line“. Es gibt sie nämlich, die treue Gemeinschaft der Malick-Unterstützer, die der Künstler aber offenbar mit der gleichen cowboyphilosophischen Rücksichtslosigkeit behandelt wie Journalisten oder Mitarbeiter. Wie sie sich immer wieder ruinieren bei dem Versuch, dem Meister das nächste Meisterwerk zu ermöglichen, das wäre selber ein hübscher Filmstoff: Fear and Loathing in Malick-Country.

Als Malick für „Days of Heaven“ in Cannes den Regiepreis erhielt, erstaunte er bei der Pressekonferenz durch beharrliches Schweigen. Bei der Berlinale-Premiere von „The Thin Red Line“ 1999 nahm er zwar den Applaus des Publikums entgegen, ließ sich ansonsten aber höflich mit dem Satz entschuldigen, die Stadt hätte so viele Museen. 36 Jahre lang hatte er angeblich keine Interviews gegeben. Wieder überging ihn das offizielle Hollywood, nicht nur bei der Oscar-Verleihung. Und Malick blieb der Einzelgänger, der deutlich macht: Wir brauchen ihn, aber er uns nicht.

Glücklicherweise ließ seine nächste Arbeit diesmal nicht so lange auf sich warten: Malicks Version von der Liebe zwischen Pocahontas und Captain Smith, seine Version von der Erschaffung der neuen Welt. „The New World“: Heideggers Schatzinsel, revisited.

Wer weiß, vielleicht wird sich Terrence Malick am Sonnabend in Berlin erneut zu den Museen aufmachen. Dabei gibt es zu „The New World“ in der Tat ein paar Fragen. Warum hat der Regisseur die erste Version nach zehn Tagen aus dem Verkehr gezogen und eine um 16 Minuten kürzere Variante herausgebracht, die ein ganz anderer, weniger radikaler Film ist? Es war, sagt man, nicht der Produzent, sondern der Regisseur, der die Spannungen zwischen der Natur und der Gewalt der Eindringlinge, zwischen indianischer und protestantischer Kultur, zwischen Heidegger und den Cowboys so schmerzhaft linderte. Und wieder blühen die Legenden: vom Künstler auf der Flucht vor sich selbst, vom Sieg Hollywoods oder davon, dass nicht einmal ein Terrence Malick ins dunkle Herz des amerikanischen Gründungsmythos vordringen darf.

Terrence Malick ist mit nur vier Filmen in 33 Jahren zu einem Mythos der Filmgeschichte geworden. Ein Mythos, der die Sehnsucht nach der Wahrheit weckt.

Terrence Malick , 62, gilt als einer der besten Hollywood-Regisseure – obwohl The New World , der am Samstag außer Konkurrenz im Berlinale

-Wettbewerb läuft, erst sein vierter Film ist.

Der gebürtige Texaner, der in Harvard und Oxford Philosophie studiert hat, wurde 1973 mit seinem Debüt Badlands berühmt. Nachdem er das Südstaaten-Drama Days in Heaven (In der Glut des Südens, 1978) abgedreht hatte, verschwand der Filmemacher für 20 Jahre.

Mit dem Kriegsfilm The Thin Red Line (Der schmale Grat), der mit einem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichnet wurde, feierte Malick 1999 ein Comeback. Derzeit dreht Steven Soderbergh einen Che-Guevara-Film nach einem Drehbuch von ihm.

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