Kultur : Der Schlachtruf der Diva

KAI MÜLLER

Vielleicht ist das Wichtigste an einem solchen Abend die Pause.Das Publikum kann ein Glas Weißwein trinken und im reizenden Foyer des Renaissance-Theaters plaudernd herumstehen.Und es kann sich an alte Zeiten erinnern, als "Die Caven" noch eine Sensation war.Ist sie das nicht mehr? Nein, sie ist eine Legende.Eine schattenhafte Existenz.Nur selten betritt sie noch für einen Chanson-Abend die Bühne.Wenn sie es tut, dann singt sie auf hohem Niveau.Aber ihre Manierismen verraten auch, daß ihr das Erreichte genügt.Mit Vorliebe läßt sie ihr gewaltiges Triumph-Organ flattern wie einen Schlachtruf über Pariser Barrikaden.Ihre Stimme windet sich in Gefühlsausbrüche hinein, steigert sich zur exaltierten Klage und stürzt dann immer wieder kraftlos ab.Pointen läßt Ingrid Caven fallen wie wertlose Münzen: Was gehen mich denn eure Sorgen an? Sie haucht, zischelt und schmiert die Sätze hin, als wären es buddhistische Meditationsformeln, und scheint sich selbst am meisten darüber zu amüsieren, daß die Texte so gut zu ihrer kindlichen Fantasie passen.Sie kann alles sein: vorlaute Göre, stolzierende Diva, vornehme Blässe, krachender Marschbefehl.

"Helle Nacht" ist erneut in Zusammenarbeit mit Peer Raben entstanden, dem Komponisten und einstigen Fassbinder-Gefährten.Mit Texten von Enzensberger hatte es einst begonnen: "Der Abendstern" hieß die furiose Platte, mit der Caven das deutsche Chanson neu erfand.Heute sind es vorwiegend Texte des französischen Dichters JeanJacques Schuhl, denen Raben mal romantisierende Klavierpartituren, mal ausladene Popfassaden verpaßt, die ärgerlicherweise über Tonband eingespielt werden.Ein Meisterwerk ist die Ballade "Zimmer 1050", die von dem geheimnisvollen Beziehungsgeflecht in einem Hotel erzählt.Schuhls Lyrik spielt mit den zersplitterten Beobachtungen einer medialisierten Welt, was von Caven verlangt, die Bruchstücke durch eine übergreifende Idee vor dem Auseinanderfallen zu bewahren.Wenn sie aber, als wäre das nicht schon genug, auch noch Kunst machen will, dann rutschen ihr die Posen weg.Satie, Schönberg, Cage und Berio sind zu abstrakt, als daß sie ihnen gewachsen wäre.

Ingrid Caven tritt noch einmal heute um 20 Uhr im Renaissance-Theater auf.

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