Kultur : Der schöne Wilde

Angst und Empfindsamkeit: der Expressionist Otto Mueller in München und Bernried

Eva Karcher

Zwölf Stunden dauerte die Zugfahrt von Breslau nach Budapest. Die Route kannte er bald auswendig, fuhr er sie doch von 1924 bis zu seinem Tod fast jeden Sommer, mit nur einem, etwas seltsam klingenden Ziel: Zigeuner zeichnen und fotografieren. Nein, Otto Mueller war kein lüsterner Tourist mit Appetit auf exotische Sinnlichkeit. Ganz im Gegenteil suchte er bei den „Unberührbaren“, die in Südosteuropa im Sommer in Zelten (und in den kalten Monaten in Hütten, manchmal auch sesshaft in ihren Dörfern) lebten, so etwas wie sein Zuhause.

Seinem dichtenden Onkel Carl Hauptmann verdankt es der deutsche Expressionist Otto Mueller, dass das nomadische Volk mit indischen Wurzeln zu seinem Schicksal wurde – und den künstlerischen Ruhm des „Zigeuner-Mueller“ begründete. Im Roman „Einhart der Lächler“ machte er den Maler zum Zigeuner, und Mueller war klug genug, der Legende nie zu widersprechen. Stattdessen betonte er die Apartheit seines Aussehens auf Porträts mehr und mehr, bis hin zu dem Gemälde „Selbstbildnis mit Pentagramm“, auf dem er 1922, 48-jährig, als Gypsie posiert: Schwarzhaarig, mit schrägen dunklen Augen, hohen Wangenknochen, olivfarbener Haut und einem sehnigen Körper, auf dessen nackter Haut unterm offenen Hemd ein Amulett mit dem fünfzackigen Stern baumelt, mystisch-magisches Zeichen gegen böse Geister und Krankheiten.

Dem gerade erschienenen Catalogue raisonné, dem Oeuvreverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen von Otto Mueller, ist die Retrospektive in der Münchner Hypo-Kunsthalle zu verdanken. Sie zeigt ein von Anfang an höchst stilisiertes Gesamtwerk, bar von jedem politischen oder sozialen Kontext, beeindruckend konsequent der Idylle nackter, lianenhafter Mädchen und Paare in paradiesiescher Natur ergeben. Otto Muellers „Badende“ aus seiner „Brücke“-Phase zwischen 1910 und 1913 sind die lieblichsten, vergleicht man sie mit ähnlichen Arbeiten von befreundeten Kollegen der Dresdner Künstlergruppe wie Erich Heckel oder Ernst Ludwig Kirchner.

Schon damals haben sie die lasziv überdehnten, schlanken Gliedmaßen, die Mueller an den Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck so bewunderte, kombiniert mit vollen Brüsten und reizvoller, raubkatzenhafter Kantigkeit. Jedes Bild von Mueller ist eine dekorative Hommage an das Ideal der schönen Wilden, die als unschuldiges Naturkind auf einem Baum sitzt, mit einer Gespielin im Gras lagert oder selbstvergessen im Schilf hockt. Er, der Künstler, ist der Liebhaber all seiner verführerischen Pin Up Girls, ihnen physiognomisch und seelisch verwandt.

In stereotyper Unermüdlichkeit huldigte Mueller seinem afrikanisch-slawischen Frauentypus mit einer Technik, die perfekt das damals so trendige Image „primitiver“ Ursprünglichkeit übersetzt: Er malt mit Leimfarbe auf grobfaserigen Grund, vor allem auf Rupfen. Die Oberflächen seiner Bilder sind matt und stumpf, was ihnen eine gewisse Kunstgewerblichkeit verleiht. Wie groß sein Hunger nach einer archaisch-magischen Gegenwelt war, belegt besonders eindrucksvoll die zwischen 1925 und 1927 entstandene „Zigeunermappe“ mit neun Lithographien, die parallel zu München auch in einer Schau mit Akzent auf dem graphischen Werk im Buchheim Museum in Bernried zu sehen ist.

Mueller führt die Außenseiterexistenz dieses Volks als pittoreskes Klischee vor, kokettiert in anbetender Verehrung mit der Hohläugigkeit der mageren Gesichter und der ärmlichen Fransigkeit der tief dekolletierten Kleider, die plötzlich aussehen wie aus einer chicen neuen Designerkollektion.

Leider sind die Fotografien, die Mueller auf seinen Reisen machte, verschwunden, und es gibt auch keine Notizen oder Äußerungen von ihm selbst über seine Faszination. Seit 1919 Professor an der Akademie in Breslau, führte er ein eher bürgerliches Leben, das allerdings immer wieder überschattet war vom Scheitern seiner Beziehungen. Nach über sechzehn Jahren Ehe hatte er sich von seiner Frau Maschka scheiden lassen, die mit ihrem leicht slawischen Aussehen zum Urmodell seiner Bilder geworden war. Die zweite große Liebe zu seiner Schülerin Irene Altmann blieb unerfüllt, die zweite Ehe mit Elsbeth Lübke ging schief, und die letzte Gefährtin, Elfriede Timm, heiratete er 1927, drei Jahre vor seinem Tod.

Vielleicht war es das Trauma, verlassen zu werden, das die so bruchlos folkloristisch heile, delikat erotisierte Sphäre seiner Bilder erklärt: „ . . . bin ich mit dem Wesen zusammen, das ich liebe, kommt die große Angst, dass Menschen Feind sind, es mir wegnehmen und ich dann vollständig zugrunde gerichtet bin“, schreibt er in einem der wenigen bekannten Briefe an Maschka. So offenbart sich die Attitüde des feinnervigen Bohémien zuletzt als elementares Überlebensmittel eines Empfindsamen.

Otto Mueller in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, noch bis 22. Juni.

Der Katalog (Prestel Verlag) kostet in der Ausstellung 25 Euro, im Buchhandel (inklusive Werkverzeichnis auf CD-Rom) 59 Euro. – Otto Mueller im Buchheim Museum, Bernried, bis 18. Mai. Die Monographie von Lothar-Günther Buchheim „Otto Mueller - Leben und Werk“ kostet 19,80 Euro.

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