Kultur : Der schwarze Mann

Prophet des Schreckens: Superschurke Fantômas wird 100

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Herrscher über Paris. Plakat für einen Fantômas-Stummfilm von Louis Feuillade. Foto: picture-alliance/Costa/Leemage; Montage: Mika
Herrscher über Paris. Plakat für einen Fantômas-Stummfilm von Louis Feuillade. Foto: picture-alliance/Costa/Leemage; Montage: MikaFoto: picture-alliance / maxppp

Das Böse tarnt sich gern mit der Maske des Besonderen. Im Smoking, mit Lackschuhen und locker um den Hals geworfenem Seidenschal, so in Schale geschmissen wird dieser geckenhafte Herr im Erste- Klasse-Abteil des Schnellzugs von Paris nach Antwerpen garantiert nicht auffallen. Seine offenbar ebenfalls höhergestellte Sitznachbarin sucht nach ihrer Handtasche, die eben noch neben ihr lag. „Man könnte glatt schwören, dass Fantômas sie gestohlen hat“, seufzt sie. Alle lachen. Nach Fantômas, darüber berichten die Zeitungen seit Wochen, wird doch gerade in Südfrankreich gefahndet. Am Ende der Reise stellen sich die junge Dame und ihre Begleiter, drei Argentinier, dem Herrn vor. Und sein Name? „Sie haben ihn eben genannt, Madame“, entgegnet er. „Ich bin Fantômas.“ Erneutes Gelächter, ein guter Witz. Aber wenn die Touristen ihre Koffer öffnen, werden sich ihre Wertgegenstände in Luft aufgelöst haben.

In dieser Szene aus dem Roman „Fantômas – Ein Zug verschwindet“ zeigen sich gleich drei Eigenschaften des Titelhelden. Er ist eitel. Dass Fremde aus dem Ausland seinen Namen kennen, schmeichelt ihm ungemein. Er ist leidenschaftlich, beinahe zwanghaft kriminell. Wenn sich die Gelegenheit zu einem Diebstahl bietet, muss er, wie ein Kleptomane, handeln. Und er hat die Kunst der Verwandlung so weit perfektioniert, dass seine Häscher ihn niemals zu fassen kriegen. „Ich bin allgegenwärtig“, jubelt er. „Ich höre alles, die Nacht ist meine Komplizin, der Abend mein Freund; wenn ich will, dringe ich in geschlossene Räume ein, wenn es mir beliebt, höre ich durch Mauern, und wenn mir danach ist, überwinde ich die unberechenbarsten Entfernungen.“

Vor hundert Jahren betrat „der König des Verbrechens“ erstmals die Bühne. Schon vom ersten Fantômas-Roman, den die Pariser Journalisten Pierre Souvestre und Marcel Allain 1911 veröffentlichten, verkauften sich mehr als 800 000 Exemplare. Zeitweilig übertraf die Auflage der kruden Kriminalgeschichten in Frankreich die der Bibel. Fantômas, ein Verbrecher und Anarchist, der der Gesellschaft den Krieg erklärt hat, stieg zum Liebling der Surrealisten auf und wurde zu einer emblematischen Figur des 20. Jahrhunderts, die den Schrecken eines ganzes Zeitalters vorweggenommen zu haben schien.

„Es fiebert und vibriert in diesen Büchern, das macht sie bis heute so spannend“, sagt der Berner Verleger Urs Kummer. In seiner Edition Epoca ist gerade „Fantômas – Ein Zug verschwindet“ erschienen, Auftakt zu einer für die nächsten Jahre geplanten Serie. Kummer hat vom Pariser Gaumont-Verlag die Option für alle 32 Fantômas-Romane erworben, die Souvestre und Allain bis September 1913 gemeinsam schrieben.

Souvestre und Allain waren vertraglich verpflichtet, jeden Monat ein 400-seitiges Fantômas-Buch abzuliefern. Dieses Pensum bewältigten sie, indem sie die Kapitel getrennt per Diktaphon auf Wachswalzen sprachen, die später von Sekretärinnen abgetippt wurden. Um den Überblick zu bewahren, gingen die Autoren dazu über, ihre Abschnitte jeweils mit „néanmoins“ und „toutefois“ beginnen zu lassen, trotzdem und jedoch.

Schon dem Band „Ein Zug verschwindet“ ist die Eile seines Entstehens anzumerken. Immer wieder stimmen die logischen und zeitlichen Anschlüsse nicht, und rhetorische Fragen wie „Doch wieso war Juve überhaupt in Antwerpen?“ sollen dem Leser helfen, die Orientierung zu behalten. Fantômas jagt anfangs den Millionen eines Fürsten Wladimir „von Hessen-Weimar“ (!) nach, dann verschwindet er und überlässt Nebenfiguren das Feld, um nach 150 Seiten im Sonderzug eines „Zirkus Barzum“ wiederaufzutauchen, wo er seine Tochter sowie Inspektor Juve und den Journalisten Fandor trifft, seine hartnäckigsten Verfolger.

Die Sprache ist trivial wie im Groschenroman. Da „quellen Tränen hervor“, Gesichter „laufen puterrot an“. Hektisch springt die Handlung von Paris über London, Bordeaux und Spa nach Köln und „Glotzburg“. Der ständige Aufbruch, das sprunghafte Unterwegssein ist das konstitutive Prinzip der Romane. Gereist wird in Autos, Flugzeugen, Schnellbahnen oder auf Turbinenschiffen, überhaupt kommen vom Telefon über elektrische Aufzüge bis zum Telegramm allerneueste technischen Errungenschaften zum Einsatz. Den Code eines Safes entschlüsselt Fantômas mit Hilfe eines Diktaphons.

So manifestiert sich im bahnbrechenden Erfolg der Figur auch die Angstlust eines „Zeitalters der Nervosität“ – ein Begriff des Historikers Joachim Radkau – vor und an der Moderne. Nicht umsonst erblickten damals auch andere Superverbrecher wie der 1905 von Maurice Leblanc erfundene Meisterdieb Arsène Lupin oder der 1919 von Norbert Jacques erschaffene Dr. Mabuse das Licht der Welt. Sie wirken wie negative Präfigurationen von Comic-Superhelden wie Superman oder Captain America. Fantômas sei „der schwarze Mann, der alle Ängste der Bürger zusammenfasst“, konstatiert der Kulturwissenschaftler Thomas Brandlmeier in seiner Studie „Fantômas – Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts“. Die Benutzung von Giftgas, Flammenwerfern und Zeitbomben in den Büchern von Souvestre und Allain wirkt am Vorabend des Ersten Weltkriegs geradezu prophetisch.

Auf so einen Superstar des Kriminellen hatte das junge Kino nur gewartet. Filmpionier Louis Feuillade drehte bereits zwischen 1913 und 1919 fünf „Cinéromane“, für die er die Vorlagen hemmungslos ausschlachtete. Die Filme machten Skandal, auch weil ein Teil der Zuschauer es noch nicht gewohnt war, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Wenn Hauptdarsteller René Navarre in der Öffentlichkeit erkannt wurde, kam es zu Prügeleien, einmal wurde er von einer Meute verfolgt, die ihn zu lynchen drohte.

In Deutschland ist das Fantômas-Bild bis heute durch die Kriminalkomödien geprägt, in denen der Gummimasken-Schurke Jean Marais immer wieder Louis de Funès als trotteligem Juve entwischt. Den Romanen weitaus gerechter wird eine vierteilige Fernsehserie mit Helmut Berger als Titelheld aus dem Jahr 1980, inszeniert unter anderem von Claude Chabrol. In einer Szene erzählt eine Adlige von der Premiere von Luis Buñuels Film „Der andalusische Hund“. Dessen Surrealisten-Freund Apollinaire hatte 1912 die Gründung einer „Gesellschaft der Freunde von Fantômas“ vorgeschlagen, der von Cocteau bis Aragon und Breton alle Köpfe der Bewegung beitraten. Die Vollmitgliedschaft war allerdings für Berufskriminelle reserviert.

Inzwischen ist Fantômas, der „Herr des Grauens, der Ungreifbare“ (Souvestre/Allain), längst zum Helden der Popkultur geworden – und handzahm. Selbst Donald Duck zieht sich die schwarze Maske über, um als „Phantomias“ entführte Schoßhündchen oder Dagoberts Geldspeicher aus dem All zu retten. Er weiß: „Als Superheld muss man mit allem rechnen, auch mit dem Unberechenbaren.“ Böse ist er nicht, bloß verliebt. Er will seine Dauerverlobte Daisy Duck beeindrucken.

Souvestre & Allain: „Fantômas – Ein Zug verschwindet“. Roman, a. d. Französischen v. Lea Rachwitz, Edition Epoca, Bern 2011, 399 S., 24,95 €. – Die „Fantômas“-Fernsehserie mit Helmut Berger ist als DVD bei Universum Film lieferbar, vier mal 90 Min., circa 20 €. – „Lustiges Taschenbuch 419: Phantomias kehrt zurück“, Egmont Ehapa, Berlin, 2011., 254 S., 4,99 €.

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