Kultur : Der Schwule als Staatsfeind: Aktuelles Buch: der NS-Terror gegen Homosexuelle

Tilmann Warnecke

Das Liebesglück des Hilfsmonteurs Oskar V. und des Boten Karl S. am Anfang des Jahres 1942 wurde jäh auseinander gerissen. Ein Sicherheitsbeamter des Berliner Verlagsgebäudes, in dem sie sich kennengelernt hatten und täglich trafen, hatte aufgepasst: "Ich beobachtete des öfteren, dass V. den S. nach einem Besuch in der Monteurgarderobe im Kellergang beim Abschiednehmen umfasste und herzhaft küsste. Dieser Umstand veranlasste mich, die Genannten zu observieren. Ein Verhör des S. bestätigte dann vollauf den Verdacht des Vorliegens einer strafbaren Handlung." Oskar V. und Karl S. werden vom Sicherheitsbeamten bei der Polizei angezeigt, der Monteur wegen "Verführung" zu einer Haftstrafe verurteilt.

Denunziationen von Homosexuellen sind Alltag im Dritten Reich. Die Angeklagten erwartet Gefängnis, Zwangskastrationen, oft auch Deportation in ein Konzentrationslager. Bei besonders schweren Fällen wird die Todesstrafe verhängt. Die Dokumentation "Wegen der zu erwartenden hohen Strafe", die der Herausgeber Andreas Pretzel diese Woche im Berliner Schwulen Museum präsentierte, stellt erstmals umfassend die Homosexuellenverfolgung in der damaligen Reichshauptstadt Berlin dar. Über 2000 Strafakten, die 52 Jahre ungelesen im Landgericht Berlin lagerten, hat das zehnköpfige Autorenteam ausgewertet.

Schwule passten nicht ins Menschenbild der Nationalsozialisten: Sie galten in der NS-Ideologie als "Staatsfeinde" und "Volksschädlinge", die die Jugend verderben und dem Volk schaden. Lesben wurden übrigens nicht im gleichen Maß verfolgt; die Nazis gestanden Frauen gleichgeschlechtliche Sexualität gar nicht erst zu. Über das Ausmaß und die Gründlichkeit der Verfolgungen, den Alltagsterror gegen Schwule im Dritten Reich gibt das Buch bedrückende Auskunft. Nach der Verschärfung des berüchtigten Paragrafen 175 im Jahr 1935 reichte eine Tat in "wollüstiger Absicht" zur Vorladung aufs Gericht aus - ein begehrlicher Blick konnte bereits lebensgefährlich werden. Die Gestapo übernahm das Homosexuellenreferat, etwa 17 000 Berliner wurden zwischen 1933 und 1945 homosexueller Delikte beschuldigt. In der so genannten Homokartei, die bereits in der Weimarer Republik angelegt wurde, versuchten die Behörden, reichsweit alle Schwulen zu registrieren. Lichtbilderalben wurden angelegt, mit deren Hilfe Beschuldigte Sexualpartner identifizieren sollten, die sie namentlich nicht kannten. Die Polizei setzte Parkwächter, Bahnhofsstreifen und Toilettenwächter ein, um die Treffs des schnellen, anonymen Sex zu observieren.

Einmal beschuldigt, hatten Angeklagte vor Gericht meistens keine Chance. "Es ist altbekannt, dass kaum ein Rechtsbrecher so lügt wie ein Homosexueller", notiert ein Kriminalsekretär im Vernehmungsprotokoll. Folterungen in Polizeigewahrsam waren an der Tagesordnung.

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR mussten sich Homosexuelle die Anerkennung als Opfergruppe des Nationalsozialismus erst mühsam erkämpfen. In der Öffentlichkeit spielt das Thema heute noch eine untergeordnete Rolle, auch wenn Ausstellungen zur Schwulenverfolgung das zu ändern versuchen. Auch in der historischen NS-Forschung waren Homosexuelle lange kein Thema. Der Band schließt deshalb für Berlin eine wichtige Forschungslücke.

Als "Sach- und Lesebuch" versteht Herausgeber Pretzel die in dreijähriger Recherche entstandene Arbeit. Neben den aus den Strafakten rekonstruierten vielfältigen Formen der Strafverfolgung werden deswegen siebzehn Einzelschicksale wie die des Boten Karl und Hilfmonteurs Oskar vorgestellt. Ein dritter Teil beschäftigt sich mit den schwulen Treffpunkten des Berlins der dreißiger Jahre - eine Art "Gay-Guide der Reichshauptstadt" (Pretzel). Denn trotz der alltäglichen Bedrohung gelang es den Nationalsozialisten nicht, die schwule Szene ganz zu zerschlagen.

Der letzte Leiter des Berliner Homosexuellen-Referates, Richard Gabler, fand nach dem Ende der NS-Zeit bald wieder eine Beschäftigung: 1946 wurde er Leiter der Inspektion für Sittlichkeitsvergehen der Berliner Polizei.

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