Kultur : Der Siegerfilm "Müßiggang" wird im Berliner Acud und Filmkunst 66 gezeigt

Silvia Hallensleben

Als das "Festival des jungen osteuropäischen Films" vor neun Jahren erstmals stattfand, gab es noch vier Kinos in Cottbus. Heute ist keines mehr übrig, zuletzt machten die UFA-"Kammerlichtspiele" dicht. Einige Wochen zuvor hatte vor der Stadt ein UCI-Multiplex seine Pforten geöffnet. Seitdem gibt es in der 120 000-Einwohnerstadt nur noch das kommunale "Obenkino", eine atmosphärelose 80-Platz-Spielstätte im Obergeschoss des städtischen Jugendzentrums.

Für ein Filmfestival ist das eine komplizierte Lage. Aber das Improvisieren ist Festivalleiter Roland Rust schon gewöhnt. Letztes Jahr wurde die Uni-Aula zum Behelfskino. Diesmal verwirklichte man nach komplizierten Verhandlungen mit Stadt und Eigentümer einen lange gehegten Plan: Der "Weltspiegel", ein 1911 erbauter Kinosaal, den das Staatstheater als Probebühne nutzt, wurde für fünf Tage wieder zum Kino - ein schönes, gut erhaltenes 500-Plätze-Haus mit neoklassizistischem Tonnengewölbe, Holztäfelung und Balkon. Demnächst soll er abgerissen werden. Denn die Eigentümerin, die UFA, will das Grundstück verkaufen.

Den Schauspieler Hilmar Thate, angereist in der Equipage von Andreas Kleinerts "Wege in die Nacht", bewegte dies zu für einen Eröffnungsabend ungewöhnlich polemischen Worten. In den Ansprachen zuvor war mehr von "Brückenköpfen" die Rede. Merkwürdig, dass ausgerechet militärische Begriffe verwendet werden, wenn man Völkerverständigendes sagen will. Vielleicht liegt es daran, dass der Film in Brandenburg politisch nicht bei der Kultur, sondern im Wirtschaftsministerium angesiedelt ist. Und da denkt man eher strategisch als ästhetisch.

Auch wenn beim "Festival des jungen Films" schon mal ein fast 50-jähriger Bulgare mit seinem Film debütierte (und gleich einen Preis gewann): Die meisten Regisseure sind tatsächlich jung, was auch dazu verführt, ihr Schaffen mit aller Vorsicht nach Trends abzuklopfen. Die Gewalt etwa, die hier einmal dominierte, ist rarer geworden, der Killer ist dem Börsenspekulanten gewichen. Zunehmend resignieren die Filmemacher vor der heillosen Verwirrung in den neuen kapitalistischen Zeiten. Und wenden sich anderen Dingen zu. Ein Beispiel: "Der Hof" des Litauers Valdas Navasaitis. Wie so oft steht das in der russischen Filmkunst so beliebte Bild des Hauses als Allegorie einer erstarrten Gesellschaft. Die verfallene Villa, ihre verstörten Bewohner, der Stillstand. Nur sieht das alles plötzlich gar nicht stilisiert aus, sondern dem Leben abgeguckt.

Überhaupt verlieren die Verschlüsselungen ihren Sinn. Langsam, so scheint es, wächst eine Generation heran, die diese alten künstlerischen Formeln ebenso zurücklässt wie den kurzen Flirt mit den neuen Bilderwelten. Zeit, eigene Bilder und Geschichten zu finden - viele davon Alltagsgeschichten, auch als solche erzählt. "Die Rückkehr des Idioten" von Sasa Gedeon etwa, einem der interessantesten jungen tschechischen Regisseure, der Dostojewskis Idioten ins weihnachtliche Böhmen versetzt. Oder "Norden, Norden" von Csaba Bolok aus Ungarn - hier geschehen einer jungen Frau bei einem ländlich-frühwinterlichen Fahrradausflug wunderliche Dinge, bevor sie bereichert und wohl behalten heimkehrt. "Der Flug der Biene" von Djamshed Usmonov und Boung Hun Min, eine tadschikisch-koreanische Koproduktion, erzählt in zartgemustertem Braun-Weiß eine märchenhafte Dorfgeschichte von Macht und Widerstand. Und der in Cottbus vielfach preisgekrönte "Müßiggang" (Janez Burger, Hauptpreis) ist die slowenische Antwort auf den amerikanischen Slackerfilm. Antwort, nicht Kopie. Denn die skurrilen Abenteuer, die der Dauerstudent Dizzy im Wohnheim erlebt, sind, die herumnörgelnde Putzfrau eingeschlossen, durchaus eigenständig umgesetzt. Es sieht so aus, als würde das Kino Osteuropas wieder zu sich selbst finden.

Zugleich gibt es fast ein konträres Leitmotiv: das des Weggehens, sei es nun nach Amerika, Australien oder Deutschland, oder nur in die nächste Stadt. Ein Subkontinent von Ausreisenden. Eine kleine neue Werkreihe schließt hier an, mit Filmen, die von außen auf Osteuropa und auf Flüchtlingsschicksale blicken. Barbara Alberts "Nordrand", "Lovers" von Jean-Marc Barr oder auch "Beautiful People" von dem nach England emigrierten Bosnier Jasmin Dizdar, der in irrwitzigem Tempo mit tiefschwarzem Humor eine Handvoll Erzählstränge zum unglaublichen Happy-End führt.

Der regionale Fokus widmete sich dem Filmschaffen der beiden romanischsprachigen Länder Osteuropas: Rumänien und der Republik Moldau, vielen erstmals durch die Fußball-EM als Moldawien bekannt. In der Filmindustrie sieht es nicht besser aus als in den Stadien; in Rumänien schlimm, in der Moldau noch verzweifelter. Wenn Mihaia Poiató vom Nationalen Filmzentrum in Chisinau mal wieder gefragt wird, wie viele Filme denn pro Jahr in Moldawien produziert würden, sagt er: Fragen Sie lieber, wie viele Jahre wir brauchen, um einen Film zu produzieren. Viele der in Cottbus gezeigten moldawischen Filme, darunter einige aus den sechziger Jahren, waren westliche Erstaufführungen. Rätselhaft dabei, warum manche, so etwa "The Well" von Vlad Iovita, ein kurzer Dokumentarfilm über den Bau eines Brunnens, für Jahrzehnte verboten waren. Dass die Republik Moldau sich immer noch schwer tut mit dem Republiksein, merkte man daran, dass einer ihrer bedeutendsten Filmregisseure, Valeriu Jereghi, fehlte. Ihm war, aus ungeklärten Gründen, die Ausreise verweigert worden.

Der Rest der moldawischen Truppe hatte sich im Kleinbus auf die 2500 Kilometer lange Reise gemacht. So verwandelt sich Cottbus für fünf Tage von einem Provinzstädtchen am östlichen Rand Deutschlands zu einem Ort im Zentrum Europas, in dem die Abenteuer nicht nur auf der Leinwand stattfinden. Und auf der Leinwand, nach dem Festival? Der "Weltspiegel" ist wieder geschlossen. Baut die UFA, nachdem die alten Kinos - vorschnell - geopfert wurden, nun selbst ein Multiplex? Man muss es nun, für Cottbus, fast hoffen.Die Berliner Kinos Filmkunst 66 und Acud zeigen von morgen bis zum 17. November zehn Filme des Festivals. Der Siegerfilm, "Müßiggang", ist morgen, 20 Uhr, im Acud zu sehen.

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