Kultur : Der Stadtneurotiker will Geld sehen

EVA SCHWEITZER

Berühmt zu sein, was ist das? Sein Hotelzimmer zu zertrümmern und dann der Polizei Autogramme zu geben? Die Sankt-Patricks-Kathedrale für einen Wolkenkratzer abzureißen? Wegen einer Hakenkreuztätowierung im amerikanischen Fernsehen auftreten zu dürfen? Jahrelang im Koma zu liegen? Ewig und drei Tage an immer dem gleichen Roman zu schreiben? Oder ist man schon berühmt, sobald die anderen einen dafür halten? "Celebrity", der neue Film von Woody Allen, der am 8.April in die deutschen Kinos kommt, zeigt die vielen Schattierungen von Berühmtheit.Und auf seiner eigenen Ebene ist der Film selber ein Manifest des Ruhms, denn nie zuvor haben soviele Celebrities bei Woody Allen mitgespielt: Leonardo DiCaprio, Winona Ryder, Kenneth Branagh, Melanie Griffith, Famke Janssen, und, in einem Kurzauftritt, Donald Trump.

"Celebrity" ist aber auch der - späte und bisher wenig erfolgreiche - Versuch von Woody Allen, kommerzielles Kino für die USA zu machen.Und dieser Film ist nicht das einzige Zeichen eines geschäftlichen Wandels bei dem berühmtesten Botschafter New Yorker Lebensart.Woody Allen hat seine Produzenten gewechselt, seine Filmcrew ausgedünnt, rigide Sparmaßnahmen eingeführt, und er wird seit 1998 von einer Hollywood-Agentur vertreten, die ihm mehr Rollen in Streifen anderer Filmemacher verschaffen soll.

Hintergrund all dieser Veränderungen ist, daß Allen in seinem Mutterland weit davon entfernt ist, so berühmt und vor allem finanziell so erfolgreich zu sein wie in Europa.In Barbara Kopples Dokumentarfilm von 1998, "Wild Man Blues", war ein ungläubiger Allen zu sehen, der die europäischen Zuschauerzahlen von "Stardust Memories" studiert - das Schwarz-Weiß-Melodram um einen am Leben und der Kunst verzweifelnden Filmemacher war in Amerika ein glatter Flop, lief in Paris, Berlin oder Rom aber recht erfolgreich.

Hingegen wurde "Celebrity" selbst in Manhattan nur in vier oder fünf Sälen gespielt - trotz Leonardo DiCaprio (der hier allerdings ein ausgewachsenes Ekelpaket darstellt)."Celebrity" brachte, entgegen den Erwartungen, auf dem US-Markt nur 5,3 Millionen Dollar ein.Das deckt noch nicht einmal die Produktionskosten, die bei einem Allen-Film im Schnitt bei etwas unter 20 Millionen Dollar liegen, und ist nichts im Vergleich zu Blockbustern à la "Armaggeddon" oder "Godzilla"."Ich kann mir auch nicht erklären, warum meine Filme in Europa soviel besser laufen", sagte Allen vor dem amerikanischen "Celebrity"-Start der "New York Times"."Alles an mir ist amerikanisch.Ich bin in New York, Brooklyn, geboren, ich liebe Baseball, die Marx Brothers, W.C.Fields und Jazz."

Aber natürlich ist New York, Brooklyn, nicht Amerika, und die Vorbilder des nunmehr 63jährigen Woody Allen sind auch nicht Steven Spielberg, Robert Zemeckis oder Joel Schumacher - sondern Europäer wie Ingmar Bergman, Truffaut oder Fellini.Vielleicht liegt der mangelnde Erfolg von Allens kunstvoll verwobenem detailreichen Erzählkino in den USA ja auch an der "extrem kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Amerikaner" - eine Formulierung der Republikaner im US-Senat, als sie das Impeachmentverfahren gegen Präsident Bill Clinton einleiteten.

Wie auch immer: So soll es nicht weitergehen.Allen hat im Lauf des letzten Jahres sein Team aufgelöst, mit dem er legendäre Filme wie "Annie Hall" und "Manhattan" gedreht hat, und nur einem Teil der Mitarbeiter neue Verträge angeboten, dies in vielen Fällen mit geringeren Gehältern.Unter denen, die gegangen sind, waren sein langjähriger Produzent Robert Greenhut und der Kameramann Carlo di Palma.Selbst Stars, die ohnehin unter Preis in Allen-Filmen auftreten, müssen künftig harte Schnitte hinnehmen - auf 5000 Dollar die Woche, hieß es.

Diese Entwicklung begann eigentlich schon 1993, als Allen die Zusammenarbeit mit seiner Produktionsfirma Tri-Star Pictures beendete.Er fühlte sich damals von Tri-Star nach seinem öffentlich ausgetragenen Beziehungskrieg mit Mia Farrow und dem Rummel um die Affäre mit seiner Stieftochter Soon-Yi im Stich gelassen.Allen wechselte zu der Firma seiner langjährigen Vertrauten, Jean Doumanian.Deren Jean Doumanian Productions ist eine Tochter von Sweetlands Films, und Sweetland finanziert seitdem alle Filme von Allen.Hinter Sweetland stecken meistenteils europäische Investoren, unter anderem Doumanions Kompagnon Jaqui Safra, Mitglied einer schweizerisch-libanesischen Bankiersfamilie.Auf Jean Doumanian (die sich als Fernsehproduzentin den Spitznamen "Ayatollah Doumanian" einfing) geht auch der Sparkurs zurück, der darin gipfelte, daß während der Dreharbeiten von "Mighty Aphrodite" der kostenlose Kaffee auf dem Set gestrichen wurde - was allerdings nach einem Aufstand der Crew zurückgenommen wurde."Aus Sicht von Sweetland waren die Kosten zu hoch und die Erträge zu gering", so Allen weiter zur "New York Times"."Meine Filme bringen in den USA einfach nicht genug Geld ein."

Ungefähr zur gleichen Zeit - Mitte 1998 - hat sich Allen auch von seinem New Yorker Agenten Sam Cohn getrennt, der ihn 30 Jahre lang betreut hatte.Seitdem wird er von der Agentur von William Morris aus Los Angeles vertreten.Dies kommt für die New Yorker Kulturszene, die ohnehin chronisch über die Konkurrenz aus Hollywood verbittert ist, einem Affront gleich.In welchem Umfang Allen nun vom Regie- ins Schauspielfach (zurück)wechseln mag, wird man sehen.Zwar hat er seine Karriere in den sechziger Jahren als Standup-Komödiant im Fernsehen begonnen, ist aber danach nur noch in einer Handvoll Filme aufgetreten, der bekannteste davon "Scenes from a Mall", in dem Allen ausgerechnet einen Psychiater aus Los Angeles spielt, der über arrogante New Yorker meckert.Im letzten Jahr war Allen als Stimme der computeraniminierten Ameise "Z" in dem Dreamword-Zeichentrickfilm "Antz" zu hören.

Für eine weitere Hollywood-Rolle ist Allen seit neuestem im Gespräch - ein erster Erfolg von William Morris.Allen soll einen älteren Basketball-Kommentator in der Komödie "Loud and Clear" spielen, die im Lauf des Jahres 1999 gedreht werden soll, und das in New York.Woodys geschätzte Gage: sechs Millionen Dollar.

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