Kultur : Der Sturz der Dioskuren

Das Jüdische Museum erinnert in seiner ersten großen Wechselausstellung an die Bronzegießer-Familie Loevy

Christian Schröder

Es sind nur drei Worte, aber in ihnen steckt die Geschichte eines ganzes Jahrhunderts: „Dem Deutschen Volke“. Als diese Inschrift im Dezember 1916 über dem Reichstagsportal angebracht wurde, war der kaiserliche Absolutismus fast schon am Ende. Wilhelm II. hatte sich lange gegen die Widmung gewehrt, die seinen Machtanspruch in Frage stellte, musste dann aber klein beigeben. Die Bronzebuchstaben – entworfen worden waren sie von dem Architekten Peter Behrens – überstanden das Kaiserreich und das Ende der ersten deutschen Republik, den Brand des Reichstags und seine Eroberung durch die Rote Armee. Man hat sie aufpoliert, bevor der Reichstag zum Bundestag wurde. Jetzt sieht die Inschrift wieder wie neu aus. Bronze ist widerstandsfähig.

„Dem Deutschen Volke“: So heißt die erste große Wechselausstellung des Jüdischen Museums Berlin, die ab heute zu sehen ist. Erzählt wird die Geschichte der Familie Loevy und ihrer Bronzegießerei, aus der die Buchstaben der Reichstagsinschrift stammen. Als die Familie den Staatsauftrag erhalten hatte, schien sie endgültig im Bürgertum des Kaiserreichs angekommen zu sein. Das schützte sie nicht davor, zwanzig Jahre später aus dem „Deutschen Volke“ ausgestoßen zu werden. Einige Familienmitglieder entkamen in die USA, andere wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet.

Das Schicksal der Loevys gleicht dem Schicksal unzähliger anderer deutsch-jüdischer Familien. Nur eines ist bei ihnen anders: Sie haben bleibende Spuren in Berlin hinterlassen. Die Loevysche „Roth- und Gelbgießerei“ stieg in der Gründerzeit zu einem Großunternehmen auf, das – so heißt es in einer alten Werbung – „Thür- und Fensterbeschlag-Garnituren in den verschied. Stylarten in Bronzeguß, Vergoldung, Vernickelung etc. u. div. Bronzierungen bei sauberster Ciselierung“ produzierte. Michael Dorrmann, der Kurator der Ausstellung, schätzt, dass die Firma rund 4000 verschiedene Artikel hergestellt hat, vom Kaminblech bis zur Hutablage. Auf einer Museumswand hängen 75 verschiedene Türbeschläge nebeneinander, die aus der Bronzegießerei S. A. Loevy stammen. Zu sehen ist da sozusagen die Stilgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts im Kleinformat, vom zitatwütigen Pomp des Historismus über die floralen Schnörkel des Jugendstils bis zur strengen Sachlichkeit des berühmten „Gropius-Drückers“. Zehntausende dieser Klinken gibt es bis heute in Berliner Altbauten.

Samuel Abraham Loevy war 29 Jahre alt, als er 1855 Berlin erreichte. Er kam aus Schneidemühl in der Provinz Posen, den 250 Kilometer langen Weg hatte er vermutlich mit einem Pferdewagen zurückgelegt, auf dem er auch seine Werkstattausrüstung mitbrachte. Berlin erlebte in diesen Jahren einen ungeheuren Boom, und die Loevys partizipierten an dem Aufschwung. Die Bevölkerung Berlins verdoppelte sich von 1850 bis 1880 auf über eine Million Menschen. Wohnungen waren gefragt, Mietskasernenviertel und Villenkolonien entstanden. Die auf Baubeschläge spezialisierte Bronzegießerei, die in der Großen Hamburger Straße 8 gegründet worden war, 1865 in die Dragonerstraße 14 und schließlich 1897 in die Gartenstraße 96 zog, wuchs zu einer Kleinfabrik mit 80 Arbeitern. In der Ausstellung künden Urkunden vom gesellschaftlichen Aufstieg: eine „Preußische Staatsmedaille für gewerbliche Leistungen“ für die Teilnahme an der Pariser Weltausstellung von 1900, ein Patent für die Verleihung des Prädikats „Königlicher Hoflieferant“, unterzeichnet von Wilhelm II.

Als die Firma S. A. Loevy – sie wurde inzwischen von Abrahams Sohn Albert geführt – 1910 in den Deutschen Werkbund eintrat, war das ein Bekenntnis zur Moderne. Das Unternehmen arbeitete mit Reformarchitekten wie Henry van de Velde, Alfred Grenander, Erich Mendelsohn und Mies van der Rohe zusammen. Die Kooperation mit Peter Behrens brachte den Loevys ihren prestigeträchtigsten Auftrag ein: die Ausstattung der von ihm entworfenen Deutschen Botschaft in St. Petersburg. S. A. Loevy lieferte ab 1912 nicht nur sämtliche Beschläge, sondern auch eine gewaltige, aus Kupfer gearbeitete Dioskurengruppe nach einem Entwurf des Bildhauers Eberhard Encke, die auf dem Botschaftsdach platziert wurde. Für seine Verdienste um den Neubau wurde Siegfried Loevy – Abrahams zweitem Sohn – im Juni 1914 der „Rote Adlerorden Vierter Klasse“ verliehen. Nur 54 Tage später, der Krieg hatte begonnen, stürmte eine Menschenmenge die Botschaft und stürzte die Skulpturen vom Dach. Im Jüdischen Museum feiert die Figurengruppe jetzt eine Wiederauferstehung: Der Ausstellungsdesigner Jan Fiebelkorn-Drasen hat eines der „Rösser“ der beiden Dioskuren nachgebaut, fast fünf Meter hoch und in seiner geradezu trojanischen Monumentalität noch immer Furcht einflößend. Im Bauch des Originals hatten acht Arbeiter Platz.

Die Ausstellung, die 350 Exponate auf 500 Quadratmetern versammelt, ist klug inszeniert. Am Anfang liest man die Inschrift „Dem Deutschen Volke“ im Fußboden, der vorletzte Raum ist mit dem Richterspruch „Im Namen des Deutschen Volkes“ überschrieben. Von der scheinbaren Aufnahme im deutschen Bürgertum bis auf die Anklagebank der Nationalsozialisten: So verlief der Lebensweg von Samuel Abraham Loevy und der beiden Generationen seiner Nachfahren, der hier geschildert wird. In der Biografie von Abrahams Enkel Erich Gloeden spiegelt sich die ganze Zerrissenheit des deutschen Judentums. Er wurde christlich getauft, ließ sich adoptieren, um seinen Namen Loevy abzulegen, machte Karriere als Architekt und wurde als „Halbjude“ im Zweiten Weltkrieg zur Organisation Todt einberufen. In Polen erfährt er vom Holocaust, schon Ende 1942 schreibt er in einem Manuskript von „zwei Millionen Ermordeten“. Ein Foto zeigt ihn in Hakenkreuzuniform, er spottet über sein „Nazi-Gesicht“. Gloeden und seine Frau Liselotte verstecken einen General, der zur Widerstandsgruppe des 20. Juli gehört, in ihrer Berliner Wohnung. Nach einer Denunziation stürmt die Gestapo die Wohnung, das Ehepaar wird von Freislers Volksgerichtshof angeklagt und hingerichtet.

Am Ausgang der Ausstellung steht eine Nachbildung der Reichstagsinschrift: „Dem Deutschen Volke“. Das „D“ und das „V“ sind umgestürzt. So sah die Widmung aus, nachdem die Rote Armee Berlin befreit hatte.

Bis 15. Juni, täglich 10-20 Uhr, montags bis 22 Uhr, Eintritt frei.

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