Kultur : Der Subkulturkontinent

Zwischentöne aus Indien: Gemälde von Abir Karmakar in Berlin

Nicola Kuhn

Gleich zweifach hätte Ranjana Steinruecke die Ausstellung von Abir Karmakar in ihrer Galerie in Mumbai verkaufen können. Trotzdem hielt sie der Nachfrage im Heimatland ihres Nachwuchsstars stand und brachte die Großformate zum Berliner Gastspiel in der Galerie Heike Curtze mit. „Interiors“ lautet der bescheidene Titel für einen spektakulären Erstauftritt des jungen Inders im Ausland.

Sechs Bilder sind es nur, gerade einmal die Jahresproduktion des bedächtigen Malers, der auf 183 mal 228 großer Leinwand eine Delikatesse an Pinselführung, eine Feinheit an Licht- und Schattenspiel und eine Subtilität an inhaltlichen Zwischentönen entfaltet, die für einen ganzen Kosmos steht (je 12 000 Euro). Sämtliche Gemälde zeigen den Künstler selbst in einer Doppelrolle, mal männlich, mal weiblich konnotiert. Das Wechselspiel mit der geschlechtlichen Zuordnung, den Verweisen innerhalb des Bildes, den verschiedenen Bedeutungsebenen beginnt.

Ganz eindeutig stehen hingegen die Zeichen für ein wachsendes Interesse an zeitgenössischer Kunst aus Indien. Nicht erst der Buchmesseschwerpunkt rückt diesen Kontinent neu in den Blick. Die Ausstellung mit Werken von Amrita Sher-Gil, der Frida Kahlo Indiens, im Münchner Haus der Kunst, ist zwar der Aktualität geschuldet, gleichwohl befindet sich die Moderne des Landes im Aufwärtstrend – die jüngsten Auktionsergebnisse in New York, wo Christies’s wie Sotheby’s der jüngeren indischen Kunst eigene Kataloge widmeten, sind das sicherste Indiz. Die Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Sotheby’s erzielte in dieser Kategorie den bislang höchsten Umsatz (fast 15 Millionen Dollar), überrundet von Sotheby’s mit fast 18 Millionen. Umgekehrt wächst in Indien die Nachfrage an westlicher Kunst. Ranjana Steinruecke, die bis vor wenigen Jahren in der Mommsenstraße als Kunsthändlerin wirkte, verabredete jetzt Kooperationen mit Berliner Galerien für eine Gemeinschaftsschau von Jonathan Meese und Norbert Bisky. Im Dezember zeigt sie Kiki Smith, die dann in Berlin als Stipendiatin der American Academy weilt.

Nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kunst erweisen sich die Inder als global player. Die Ausstellung Abir Karmakars belegt dies auf seine Weise. Aus seinem Land ist der 29-Jährige mit seinen Werken zwar bislang kaum herausgekommen, aber mit seiner gegenständlichen Malerei und der Themensetzung, bedient er zugleich den westlichen Erwartungshorizont. Die stillen Bilder evozieren eine erotische Spannung, die alle kulturellen Hürden überspringt. Mal begegnet sich der junge Maler im Badezimmer im dunklen Abendanzug vor dem Spiegel, gleichzeitig in Frauenkleidern sitzend auf der Toilette mit verhangenem Blick auf sich selbst. Noch deutlicher wird jenes Bild, das ihn im Schlafzimmer zeigt: Das weibliche Pendant trägt ein rotes Top, das männliche klettert aus dem Kleiderschrank, was im Englischen eine Redensart für das Outing ist.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht; Karmakar lockt den Betrachter mit diesen Anspielungen auf verborgene Homosexualität in eine Falle. Am Ende geht es nur um die zwei Seiten einer Medaille, die Vereinbarkeit von männlichen und weiblichen Anteilen bei jedem selbst. Und um die Einsamkeit des Städters, der sich mit sich selbst konfrontiert sieht. Die kennen alle.

Galerie Heike Curtze, Mommsenstr. 11, bis 27. Okt., Mo-Fr 11-18.30, Sa bis 16 Uhr.

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