Kultur : Der tiefe Graben

Stimmann gegen Scharoun: Diskussion um die Pläne für das Berliner Kulturforum eröffnet

Bernhard Schulz

Mit der öffentlichen Diskussion des Senatsbeschlusses zur „Weiterentwicklung des Kulturforums“ vom 16. März geht die Kontroverse um die Gestaltung des Kulturforums in eine weitere Runde. Gestern eröffnete die neue Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyher eine Ausstellung im Hause der Stadtplanungsverwaltung, die die vom Senat gebilligten Pläne auf Schautafeln erläutert. Zudem wird der „Online-Dialog“ mit dem Bürger gesucht: Unter www.kulturforum-dialog.de können Interessenten in den kommenden Monaten an der Meinungsbildung teilnehmen.

In der Vergangenheit hat sich stets aufs Neue bestätigt, dass die Bebauung des Kulturforums ein Thema von hoher emotionaler Aufladung darstellt. Befürworter und Gegner sowohl der seit Jahrzehnten in ihren Grundzügen umrissenen Planung Hans Scharouns wie solche der um Senatsbaudirektor Hans Stimmann versammelten Bataillone der Neugestalter haben nie auch nur in Detailfragen zum Konsens gefunden. Das Ergebnis ist zwischen Philharmonie, Staatsbibliothek und Nationalgalerie zu besichtigen: ein Kompromiss, den niemand befürwortet.

Eine Zustimmung der beiden unversöhnlichen Lager kann es nach Lage der Dinge kaum geben. Scharoun verfolgte die Vision der organischen Stadtlandschaft; er sprach in landschaftlichen Termini wie „Tal“ und „Hügel“. Die klassizistische Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes blendete er optisch durch ein „Gästehaus“ auf der (derzeitigen) Freifläche aus seinem Panorama aus. Dieses Gästehaus, über dessen tatsächliches Volumen, über dessen Finanzierung und – naturgemäß kommerzielle – Nutzung die Angaben meist im Ungefähren verbleiben, fordert die Scharoun-Gemeinde als Kern der Vollendung des Kulturforums.

Senatsbaudirektor Stimmann hingegen beruft sich stets auf den Stadtgrundriss, den ahistorisch überformt zu haben er für das Grundübel der Scharoun-Vorstellung hält. Stattdessen geht er einerseits archäologisch auf die einstige Struktur des Tiergartenviertels zurück, dessen letzte Zeugnisse die Matthäikirche und die umgebende Platzfigur bilden. Zum anderen sucht er die Anbindung an die mittlerweile entstandene Bebauung, die vom Potsdamer Platz her an das früher in isolierter Randlage befindliche Kulturforum herandrängt. Diesen Übergang sollen punktuelle Neubebauungen vor allem an der Potsdamer Straße bilden. Politisch geforderte Voraussetzung aller Planungen ist allerdings deren Haushaltsneutralität: Geld ist im Landeshaushalt nicht vorhanden. Die erforderlichen Mittel sollen stattdessen durch die Vermarktung von Grundstücken erbracht werden.

In der Tat gibt es nur zwei große Eigentümer auf dem immerhin 23 Hektar großen Areal: das Land sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Damit ist der zweite große Mitspieler genannt. Denn die SPK beabsichtigt, die beim Publikum verhasste, ansteigende „Piazzetta“ vor dem Eingang zu ihren Museen Europäischer Kunst abzureißen und durch einen ebenerdigen, angemessen gestalteten „Museumsplatz“ zu ersetzen. Zur Finanzierung könnte sie attraktive Flächen entlang der Tiergartenstraße für kommerzielle Nutzungen bereitstellen.

Auf diesen Prämissen beruhen auch die jetzt erstmals vorgestellten Entwürfe der drei Architektenbüros Hilmer, Sattler und Albrecht, Ortner & Ortner sowie Stephan Braunfels, die Stimmann parallel zur Anhörung der Anrainer um Überlegungen zur Gestaltung des Kulturforums gebeten hatte. Die beiden ersteren Büros lassen die Führung der Potsdamer Straße unangetastet und ergänzen den Matthäikirchplatz an seiner östlichen, unbebauten Seite mit einem rechtwinkligen Gebäudekomplex. Den sieht auch Stephan Braunfels vor, wenngleich wesentlich schlanker; der neue Gedanke des Münchener Architekten ist allerdings ein runder Platz an der Gelenkstelle zwischen der Ost-West-Achse vom Potsdamer Platz her und der südwestlichen Führung Richtung Landwehrkanal. Durch diesen runden Platz – Scharoun-Fans werden aufstöhnen – wird das Duo aus Philharmonie und Kammermusiksaal direkt an die Straße angebunden.

Senatorin Junge-Reyher benannte gestern vier Fragenkomplexe, die der Senat klären möchte: erstens die Sichtbeziehung zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie; zweitens, ob der Matthäikirchplatz wieder zu einem „Stadtplatz“ ausgestaltet werden soll; drittens die Zukunft von „Piazzetta“ und Museumszugang; und viertens die Beziehung der beiden Konzertbauten zum umgebenden Raum. Es gehe darum, ob das Areal ein „Forum im Sinne des Wortes“ werde.

Genau das ist das seit vierzig Jahren ungelöste Problem des Kulturforums.

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