Kultur : Der Tod, das muss ein Diener sein

„Schicklgruber alias Adolf Hitler“: eine Deutsche Erstaufführung in Neuhardenberg

Thomas Lackmann

Das glamouröse Todesmonster, der Pausenclown im Führerbunker, trägt den Kopf eines Raubsauriers und Federboa. Goebbels verfügt über eine Krücke als Unterleib, Adolf hat gar keinen. Eva Braun ist die bräutliche Lustgreisin, Göring ein Koloss mit Schweinsrüssel. Der Australier Neville Tranter und sein holländisches Stuffed Puppet Theatre haben Deutschlands berühmtesten Tyrannen und seinen Tross zur Kenntlichkeit karikiert, zur Menschlichkeit entstellt. Wahnwitzige Würstchen, depressive Choleriker: entdämonisiert. Das grandiosmodellierte Puppenpersonal: mickerige Geisterbahngestalten. Die Neunzig-Minuten-Performance Tranters, dem der Schweiß übers Gesicht läuft, während er zwischen seinen Geschöpfen umhergeht, sie zum Leben erweckt, sprechen und ziemlich oft schreien lässt: nicht nur physisch beeindruckend. „Schicklgruber alias Adolf Hitler. Der letzte Tag in der Reichskanzlei“: Die Exitus-Veranstaltung eines irren Schlächters, als Farce. Was könnte aktueller sein?

Der kleine Helmut Goebbels staunt über das Lied „Der Mond ist aufgegangen“. Hitlers Adjudant hat es ihm vorgesungen. Später hat Helmut einen Albtraum: „I dreamt that we all die.“ Die sechs Goebbels-Kinder stehen engelsgleich, mit aufgerissenen Äuglein, am Rande der Bühne. Sie werden zuletzt vergiftet. Sie verkörpern die Opfer. Dramaturgisch ist diese Repräsentanz der bewegendste Kniff des Stücks, das gleichwohl unpolitischer, ahistorischer, beliebiger wirkt, als es seinen Produzenten lieb sein mag. Obwohl die Deutsche Erstaufführung an Hitlers Todestag auf dem ehemaligen Gut eines Nazi-Gegners stattfindet, der enteignet und ins KZ gebracht wurde; obwohl Bernd Kauffmann, Generalbevollmächtigter der Stiftung Schloss Neuhardenberg, mit seiner beflissenen Laudatio, bei uns möge man nun doch bitte ebenso locker wie in Holland über solchen gewagten Stoff lachen, die Unternehmung als mutiges Experiment feiert.

Tatsächlich liegt jedoch weder in der Verfremdung noch im Gelächter der Pferdefuß des Entertainments vor NS-Kulissen:Das haben Filmkomödianten wie Ernst Lubitsch, Art Spiegelmans Shoah-Comic „Maus“ und das Shoah Business Musical des Mel Brooks längst überzeugend demonstriert. Aber Tranter ist von seinen perfekten poetischen Bühneneffekten selbst so fasziniert, dass er das substantiell durchaus vorhandene politische Statement der Groteske, die von ihm als Puppenspieler vorgeführte zentrale Figur des Führer-Adjudanten Heinz Linge, nicht mehr kritisch darzustellen weiß.

Heinz Linge, im wirklichen Leben 1913 geboren und gestorben 1980, ist hier der Schöpfer und Knecht seiner eigenen Staatsterroristen, die Normalgestalt unter den Gespenstern und Unschuldslämmern. Er zeigt Angst vor den Befehlshabern und Sympathie mit allen Beteiligten; sein Mitleid für den greisen, wirren Adolf Schicklgruber (wie der Mensch Hitler von seinem Erzeuger her hätte heißen müssen) lässt sich, das ist die gelungene Provokation des Abends, nachempfinden. Derweil verpufft freilich das durch sentimentale Schlager angereicherte Panoptikum der Menschheitsverbrecher zum allgemeinen Shakespearschen Königsdrama mit Varieté-Geschmack; in englischer (Sieger-)Sprache übrigens, von deutschen Brocken durchsetzt. Puppenspieler Tranter verfällt zusehends dem glitzernden, singenden, swingenden Todesmonster, seinem persönlichen Favoriten – dem eigentlichen Star der Götterdämmerung. Während Heinz Linge, dieser kleine Mann in uns allen, die Weltgeschichtsbretter als leidendes Sensibelchen verlässt; dabei hat sein alter ego doch erst die Puppen tanzen lassen. Der Tod, das muss ein Diener sein.

„Schicklgruber oder Adolf Hitler. Der letzte Tag in der Reichskanzlei“: Weitere Aufführungen in Schloss Neuhardenberg am 3. und 4. Mai, jeweils um 20 Uhr.

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