Kultur : Der Ton muss hüpfen

Blasebalg-Blues: Stefan Schwieterts „Accordion Tribe“

Roman Rhode

„Ich habe das Akkordeon in meiner Jugend gehasst“, sagt Regisseur Stefan Schwietert. Das Akkordeon, im Volksmund auch als Klavier der armen Leute, Quetschkommode oder Handorgel bezeichnet – steht es nicht für jene Volksmusik, die den guten alten Zeiten nachwimmert? Für ein in den Blasebalg gequetschtes Ein-Mann-Musikantenstadl? Mit „Accordion Tribe“ führt Schwietert jedoch etwas anderes vor: Die Zusammenkunft von fünf Akkordeonisten aus den USA, Slowenien, Schweden, Österreich und Finnland, die nicht nur Virtuosen auf ihrem Instrument sind, sondern zugleich sehr eigenwillige Komponisten. Und die sich auf stilistisch äußerst unterschiedliche Art und Weise dem verschrieben haben, was man heute imaginäre Folklore nennt.

Eigentlich ist „Accordion Tribe“ das Projekt des Amerikaners Guy Klucevsek. Er hat seine Polka-Roots mit Minimalismus und der Experimentierfreude eines John Zorn angereichert und versucht seit 1996, den Kosmos der frei schwingenden Metallzungen in seinen zeitgenössischen Spielarten auszuloten. Auf den internationalen Bühnen werden die konzertanten Aktionen Klucevseks und seiner Mitstreiter inzwischen gefeiert. Und Regisseur Schwietert zeigt, wie das einfühlsame Zusammenspiel der fünf etwas verschrobenen Solisten und Individualisten eine ungeahnte Magie entfaltet.

Hier gerät das Akkordeon zu einer hüpfenden, jauchzenden, melodiösen und mit seiner scheppernden Balgmechanik auch perkussiven Schatzkammer des Unbewussten. Darin schlummert die Schwermut der finnischen Seen oder der einsame Blues des blinden Otto Lechner. Sobald diese starken Gefühle aufbrechen, übt das nicht nur auf die Musiker, sondern auch aufs Publikum eine kathartische Wirkung aus. „Das Akkordeon“, sagt der jazz-orientierte Lechner einmal, „zähmt die schrägsten Sachen.“ Und wir, die Zuschauer, können uns dem Bann dieses Instruments plötzlich nicht mehr entziehen.

In Berlin in den Kinos Eiszeit, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

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