Kultur : Der unbekannte Baumeister

Mit Vorbesichtigungen in der Repräsentanz des Kunsthauses Lempertz und bei Irene Lehr beginnt die Berliner Herbstsaison

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Fotofreunden bietet das Kunsthaus Lempertz in Berlin an diesem Wochenende eine große Auswahl der 453 Werke zur Besichtigung, die am 2. November in Köln erstmals auf zwei Auktionen versteigert werden. Der erste Katalog umfasst 120 Vintage-Prints, die zwischen 1900 und 1970 entstanden sind (unter anderem von Hein Gorny, Lotte Jacobi, Peter Keetman). Herausragend sind die 15 Vintages von Heinz Hajek-Halke, ein Blumenfeld-Portfolio sowie Aufnahmen von Steven Shore und Thomas Struth (Kunsthaus Lempertz, Linienstraße 153, Vorbesichtigung heute und morgen, 11-17 Uhr).

Ab nächsten Freitag beginnt die Vorbesichtigung des Berliner Auktionshauses Irene Lehr mit 590 Losen. Der überwiegende Teil des Angebots stammt hier aus der Nachkriegsmoderne. Dazwischen sind wichtige Positionen der DDR-Malerei zu finden, ausgewählte Druckgrafik sowie klassische Raritäten wie eine Bleistiftstudie von Gustav Klimt für geschätzte 6000 Euro. Den Umschlag des Katalogs ziert dieses Mal das Spitzenlos. Willi Baumeisters theoretisches Werk „Das Unbekannte in der Kunst" könnte gleichsam als Motto für einen wenig bekannten Baumeister stehen. Das intime Ölgemälde „Im Bad (zwei Akte)“ von 1912 zeigt den jungen Maler an einem Wendepunkt, emanzipiert von den impressionistischen Frühversuchen und auf dem Weg zur Abstraktion der „Mauerbilder“, mit denen ihm Anfang der zwanziger Jahre der künstlerische Durchbruch gelang. Mit 24 000 Euro bildet das reizvolle Kabinettstück die mit Abstand höchste Taxe der insgesamt moderaten Schätzpreise. Eine Farblithografie Baumeisters, die 1953 noch einmal die schwebenden Formen der späten dreißiger Jahre variiert, ist mit 3000 Euro veranschlagt und eine Pastellzeichnung seines Lehrers Adolf Hölzel mit 1800 Euro. Eine weitere Baumeister-Lithografie ist in einem Mappenwerk mit 14 Original-Grafiken zu haben, das komplett auf 5000 Euro taxiert ist. Ebenfalls aus dem Kreis um Hölzel finden sich Pastelle von Max Ackermann. Wenngleich weniger avanciert als Baumeister oder Oskar Schlemmer stellte der 1887 geborene Berliner zwischen den Kriegen eine wichtige Position der abstrakten Malerei dar. Während das „Mädchen im Bademantel“ (Taxe 9000 Euro) Figuration und Abstraktion zu farbintensiver Dialektik verdichtet, erzeugt die „Frühe Stunde“ (Taxe 4000 Euro) ein spannungsreiches Gefüge von reiner Form und Fläche.

Aus der Zeit der Neuen Sachlichkeit bieten zwei Aquarelle einen sehr unterschiedlichen Blick auf das Stadtleben der zwanziger Jahre. Karl Hubbuchs „Großstadt Berlin“ (Taxe 6000 Euro) zeigt den dicht gedrängten Moloch, der von Gebäuden aus dem Kaiserreich erdrückt zu werden scheint. George Grosz’ „Spaziergänger“ hingegen präsentieren den Künstler samt Gattin und Schwägerin als flanierenden Bonvivant in zart leuchtenden Farben und pittoresker Erotik.

Der Dresdener Realist Curt Querner, dessen „Kinderkarneval im Erzgebirge“ den Höchstpreis der Frühjahrsauktion erzielte, ist mit elf Losen zwischen 500 und 8000 Euro im Angebot; ebenso wie der große Individualist der DDR-Avantgarde, Gerhard Altenbourg, der mit 17 Arbeiten vertreten ist.

Zeitgenössisches gibt es von A. R. Penck, dessen frühe Skizzen- und Notizbücher mit 5000 und 12 000 Euro aufgerufen werden. 15 000 Euro werden für rund 900 Zeichnungen erwartet, mit denen Penck 1961 ein Konversationslexikon übermalte. Daneben loten zwei ins Monochrome tendierende Leinwände von Johannes Geccelli die Tiefe der Farbe aus. „Was der Maler malen will, ist nicht zu sehen“, hat Geccelli einmal gesagt. Was die Auktionatorin will, ist an der konzentrierten Auswahl zu sehen: ihren Erfolg des Frühjahrs mit einem Gesamtumsatz von 540 000 Euro noch einmal überbieten. Michaela Nolte

Kunstauktionen Dr. Irene Lehr, Sybelstraße 68, Vorbesichtigung 18. bis 24. Oktober, Montag bis Sonntag, 12-19 Uhr. Auktion im Berlin Excelsior Hotel, Hardenbergstraße 14, Sonnabend, 26. Oktober, 13 Uhr.

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