Kultur : Der unendliche Augenblick

Landschaftsmaler mit Kamera: Michael Wesely in der Galerie Fahnemann

Michaela Nolte

Michael Wesely scheint zu den Glücklichen zu gehören, die alle Zeit der Welt haben; zumindest vermittelt sein in sich ruhendes Werk diesen Eindruck. Mitten im digitalen Bilderrausch bastelt Wesely Lichtbild-Apparaturen von geradezu archaischem Charme und arbeitet mit Belichtungszeiten bis zu mehreren Jahren. Der 1963 in München geborene Fotograf entlockt der Camera Obscura neue Spielarten, mit denen er beharrlich den Beweis antritt, dass simple Mechanik immer noch komplexe Sachverhalte beleuchten kann.

Wesely dehnt den Augenblick, diese Hochburg der Fotografie, über Stunden, Tage oder Jahre und verdichtet die Zeit zu einem einzigen Bild. Mit Langzeitbelichtungen dokumentierte er die „Reisezeit“ eines Zuges von Prag nach Linz, und verfolgt derzeit als Auftragsarbeit den Neubau des New Yorker Museums of Modern Art, so wie er einst in seiner berühmten Serie „Potsdamer Platz 1997–1999“ das dortige Baugeschehen begleitete. Oder er destilliert mit selbst gebauten Schlitzkameras Leuchtreklamen und Landschaftsbilder zu Farbspektakeln von malerischer Rhythmik und Schönheit.

Die Genres treten bei diesen Aufnahmen fließend über ihre Grenzen und der Begriff des Dokumentarischen erfährt eine neue inhaltliche aber auch visuelle Aufmerksamkeit. Denn auch wenn Michael Wesely mit der Kamera „malt“, so thematisiert er doch stets die Fotografie an sich. Sich selbst bezeichnet er dabei als Begleiter der Kamera, der lediglich die Voraussetzungen ihrer Bilder organisiere. So berührt Wesely neben Fragen der Autorschaft ebenso diejenigen des Wahrheitsgehalts und der Objektivität von Fotografie. Denn auch in seiner zweiten Einzelausstellung in der Galerie Fahnemann bleiben Bilder wie „Havel bei Lankwitz“ oder „Dorfweiher in Buchholz“ pure Behauptung. Mit dem bloßen Auge kann man nicht prüfen ob ein Farbpanorama tatsächlich „Westlich von Groß Rietz“ aufgenommen ist oder nicht doch „Los Angeles from Mullholland Drive“ zeigt. Wir können den Ortsangaben des Fotografen nur vertrauen.

Faszinierend bleiben die Konzentration und die feinen Nuancierungen, die entstehen, wenn er seine Camera Obscura mal senkrecht stellt und dann einfach nur in die Horizontale kippt. So bündelt sich in den „Ostdeutschen Landschaften“ (je 12000 Euro) die Realität in dem ein mal zwanzig Zentimeter großen Schlitz. Die Landschaft wird verdichtet und gleichzeitig mehrdeutig. Die „Getreidefelder bei Kehrigk“ changieren zwischen fruchtbarem Acker und karger Wüste, und das fast monochrome Blau beim „Blick vom Königsstuhl in Rügen“ verrätselt den Ort nicht minder als die Geschichte um den Aussichtspunkt, wo der schwedische König Carl XIII. einst auf einem Stuhl die Schlacht zwischen seiner und der dänischen Flotte beobachtet haben soll. Wie ein melancholisches Seestück wirkt „Der Hafen von Stralsund“: Kein Schiff, keine Quaimauer sind zu erkennen, und obwohl der Horizont Himmel und Wasser trennt, zielt der Blick nicht in die Ferne. Weselys Fotografien bringen die sichtbare Realität und den perspektivischen Illusionismus gleichermaßen ins Wanken. In den Vordergrund treten Schichten, in denen das Licht seine Linien zieht und sich die Lebensspuren als Farbreflexe ablagern. Bilder, die mit den Farbmeditationen eines Mark Rothko mehr gemein haben als mit klassischer Fotografie.

Galerie Fahnemann, Fasanenstraße 61, bis 23. Oktober; Dienstag bis Sonnabend, 13–18 Uhr, Katalog 15 Euro.

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