Kultur : Der Unsichtbare

Er gestaltete den BVG-Fahrplan: Das Bauhaus-Archiv würdigt den Berliner Designer Erik Spiekermann

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Tolle Type. Spiekermann entwarf auch erfolgreiche Schriften, hier die „FF Unit“. Foto: promo
Tolle Type. Spiekermann entwarf auch erfolgreiche Schriften, hier die „FF Unit“. Foto: promo

Nichts ist für die Ewigkeit, da war sich Erik Spiekermann schon vor dem Mauerfall sicher. Leider war der schmale, agile Besserwisser mit seiner Erkenntnis im Berlin der achtziger Jahre ziemlich allein. Seine wütenden, bittenden und bösen Briefe an die Verwaltung gehören zu den aberwitzigsten Exponaten seiner Ausstellung im Bauhaus-Archiv. „Schriftgestalten“, die erste Spiekermann gewidmete Retrospektive, versammelt zahllose mit der Schreibmaschine getippte Vorstöße, den anachronistischen Fahrplan des Nahverkehrs optisch zu renovieren. Der war eine Wissenschaft für sich und für die Berlintouristen ein Rätsel.

Spiekermann, der 1979 die legendäre Agentur MetaDesign gründete, appellierte an: die Vernunft, den Weltgeist, den guten Willen der Stadt. Die Strecken von S- und U-Bahn sollten in einem farblich differenzierten Liniennetz systematisch abgebildet werden. Dabei biss sich Deutschlands erfolgreichster Kommunikationsdesigner, der neben der Deutschen Bahn auch dem britischen Magazin „The Economist“ und zahlreichen internationalen Unternehmen zu einem Corporate Design verhalf, an Berlins Verkehrsbetrieben fast die Zähne aus. Dass ihm nach der Wende dann doch eine bis heute gültige typografische Neuordnung gelang, zeugt von Zähigkeit. Und dass sich jenes Informationssystem wie selbstverständlich ins Stadtbild fügt, ist das größte Lob für seine Arbeit. Kommunikation funktioniert perfekt, wenn man sie nicht bemerkt.

Andererseits resultiert daraus auch Spiekermanns Unsichtbarkeit. Obgleich er in diesem Jahr mit dem Deutschen Designpreis für sein Lebenswerk belohnt wurde und damit vom Rat für Formgebung die höchste Auszeichnung des Landes erhielt, kennen ihn jenseits der Branche wenige. Die Ausstellung im Bauhaus-Archiv möchte das ändern. Allerdings offenbart die Schau ein Dilemma. Spiekermanns Schriften sind sachlich, streng und sauber zu lesen – eben weil sich das kommunikative Genie alle Mühe mit der Funktionalität der Buchstaben gibt, die man auf einem vorbeirauschenden Transporter ebenso rasch erfassen soll wie auf Bahnhöfen oder an nächtlichen Haltestellen. So präsentiert das Archiv ein Medium, das sich innerhalb der Ausstellung in sein glattes Gegenteil verkehren muss: An die Stelle sachlicher Information treten emotionale Bilder.

Das funktioniert, weil Erik Spiekermann sein privates Archiv geplündert hat. Aus von ihm verfassten Büchern zum Thema hat er kapitelweise kopiert und die Seiten in dichter Folge an die Wände gehängt. Sie sollen die komplexen Strukturen sichtbar machen, nach denen die Lesewerke gestaltet sind. Teil der Ausstellung ist ein interaktiver Forschungstisch, an dem sich Spiekermanns ausuferndes Netzwerk ablesen lässt. Er bevorzugt wechselnde Teams, ist ständig unterwegs und grundsätzlich ruhelos – was man in den Interviews zur Ausstellung studieren kann. „Schrift ist Botschaft“, behauptet Spiekermann. Er ist ihr Botschafter.

Aber auch ihr härtester Kritiker. Man muss bloß „Arial“ sagen, dann sprudelt es aus dem 1947 Geborenen heraus: „Hässlich, unleserlich, Umweltverschmutzung!“ Dass Microsoft die für den Monitor konzipierte Schrift überall in der Welt verbreitet, ärgert den ehemaligen Schriftsetzer, der nie studiert, sondern sein Wissen am konkreten Buchstaben erworben hat. Heute lehrt er an der Hochschule für Künste Bremen, ist Ehrendoktor des Art Center College of Design Pasadena, Partner der Agentur Edenspiekermann und war 1995 Gründer der Designkonferenz „TypoBerlin“, die im Mai im Haus der Kulturen der Welt tagen wird.

Eine glatte Erfolgsgeschichte. Wenn bloß die Zauderer nicht wären, denen das Neue Angst einjagt. Neben den Berliner Verkehrsbetrieben war das die Deutsche Post. In ihrem Auftrag entwarf Spiekermann in den Achtzigern eine Schrift, die bei den Verantwortlichen im Ministerium durchfiel. Dass er am liebsten nach Bonn fahren würde, um den Laden in die Luft zu sprengen, soll der Gestalter damals gesagt haben. Ein Ausdruck von Verzweiflung, meint er heute: „Ich bin an der Trägheit der Beamten fast zugrunde gegangen.“ Im Nachhinein erwies sich die Ablehnung als Glück, denn Spiekermann bot das Ergebnis, die Schrift „FF Meta“, auf dem freien Markt an. Sie wurde eines seiner erfolgreichsten Produkte, verkaufte sich unzählige Male und hat im MoMA einen Ehrenplatz in der Sammlungsabteilung Design.

Schriftgestalten, Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 13, Tiergarten, bis 6. Juni

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