Kultur : Der unstillbare Blick

Mit 40 Fotografien von Walker Evans feiert die Berliner Galerie argus fotokunst ihren zehnten Geburtstag

Hans-Jörg Rother

Ein schöneres Geschenk hätte Norbert Bunge sich und den Berliner Freunden großer Fotografie zum zehnjährigen Bestehen seiner Galerie argus fotokunst kaum machen können als mit der Erinnerung an Walker Evans. Der 1903 in St. Louis geborene Klassiker der amerikanischen Straßenfotografie war Autodidakt und Hauptbeteiligter an dem berühmten, von Roy Stryker geleiteten Projekt der staatlichen Farm Security Administration (FSA). Es wurde Mitte der dreißiger Jahre initiiert, um die Auswirkungen der von der Weltwirtschaftskrise verursachten Depression auf die Farmer in den Südstaaten zu dokumentieren. Zuvor hatte sich Evans bereits mit streng komponierten Aufnahmen viktorianischer Häuser in New England und New York einen Namen gemacht.

Lebensräume und Lebenssituationen sind Evans große Themen, die ihn bis zu seinem Tod im Jahr 1975 beschäftigten. Die Ausstellung präsentiert vierzig Arbeiten, die vor allem aus dem FSA-Projekt stammen. Sie zeigen ein kleinstädtisches Amerika mit trostlos leeren Straßen, in deren Mitte ein Kriegerdenkmal an den Sezessionskrieg gemahnt und an deren Seiten schwarze Ford-Wagen in Reih und Glied parken. Die legendäre Weite der amerikanischen Landschaft mit ihren endlosen Roadways fehlt im armen, von Not, Rassenhass und religiösem Wahn heimgesuchten Süden. Wärme gewinnt Evans distanzierter Blick bei den Porträts zufälliger Passanten, wie sie ihm etwa am Unabhängigkeitstag 1935 in West Virginia begegnen. Kühl und mit einer Spur Misstrauen in den Augen erwidern die Leute die Neugier des Fremden.

Erst in den Hütten der Baumwollpflücker und Kohlearbeiter tritt das soziale Elend jener Tage offen zutage. Eine rohe Holzwand, an der hinter einer Leiste das Essbesteck des unsichtbaren Bewohners klemmt, wird zum Sinnbild der nackten Armut. Am meisten erschüttert das Bild einer heruntergekommenen Farmerfamilie in Alabama: Einzig die Großmutter trägt Schuhe, die Eltern und die drei Kinder sind barfuß. Kleidung und Haut sind verschmutzt, als gäbe es nicht genügend Wasser zum Waschen. Doch in den Augen des hageren Mannes und seiner Ehefrau brennt ein Feuer, das davon zeugt, wie sehr sich diese gegen die Resignation wehren. Gerade die Spannung zwischen sozialer Wirklichkeit und menschlichem Willen verleiht den besten Arbeiten von Walker Evans ihre fotografische Kraft.

Auf der Zuckerrohrinsel Kuba, die Evans 1933 bereiste, mochte die Lage kaum besser sein. Aber hier fing der Mann mit der Kamera („mein Blick ist unstillbar“) auch mal ein Lächeln ein, sei es von einer elegant gekleideten jungen Dame in einem Café oder von Geschäftsleuten in Havanna. Die 15 Kuba-Bilder schaffen selbst da, wo sie die Gassen der Armen zeigen, einen erfrischenden Kontrast zu den Südstaatenszenen. Mit dieser geschickten Konfrontation zweier benachbarter Welten gibt die Ausstellung zum fotoästhetischen Erlebnis noch einen historischen Fingerzeig dazu. Und dürfte darüber hinaus noch Sammlerherzen freuen: Die Preise für die Handabzüge aus den siebziger und achtziger Jahren liegen zwischen 800 und 2000 Euro.

Galerie argus fotokunst, Marienstraße 26, bis 30. September, Dienstag bis Sonnabend 14 – 18 Uhr.

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