Kultur : Der Untergang

Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ an der Deutschen Oper Berlin

Ulrich Amling

Es ist schön, wenn mal die gelobt werden, die sonst nie im Scheinwerferlicht stehen. Rund um die Uhr bauen Bühnenarbeiter die Metallskelett, Holzgerüst und Pappmache gewordenen Traumbilder der Oper auf und wieder ab. Sie straffen die Bodentücher und richten die Scheinwerfer. So viel Aufmerksamkeit wie Premierenfeier von „Pelléas und Mélisande“ an der Deutschen Oper haben sie dafür selten erhalten. Es ist ihnen aber auch Aberwitziges gelungen: Eine gigantische Bunkeranlage füllt die Bühne, eine Beton gewordene Toteninsel, durch deren schmale Scharten nur selten ein Strahl Licht fällt. Hier lebt das unglückliche Königshaus von Allemonde, in dessen sieche Sippe es die rätselhafte Mélisande verschlägt. Zu allem Übel ist auch noch Wasser in diesen unwirtlichen Raum eingedrungen, 85000 Liter, genug um eine Runde mit dem Boot darauf zu drehen oder kurz knietief darin zu waten.

Diese gewaltige Nasszelle ist der Hauptdarsteller in Marco Arturo Marellis Inszenierung. Dem Schweizer Bühnenbildner fiel auf, dass Debussys zartes Meisterwerk komplett von Wasseradern durchzogen ist. Dass Wahrheit hier nicht in Rinnsalen von Theaterblut aufblitzt, sondern im Spiel der Farben auf der Wasseroberfläche, im Welle gewordenen Gefühl auf dem Meer der Seele. Was Marelli bewogen hat, dieses feine Farb-Ton-Seelenspiel in ein Interieur zu wuchten, in dem man befürchten muss, gleich auf Bruno Ganz mit Hitler-Bärtchen zu treffen, bleibt sein düsteres Geheimnis. Der Zuschauer jedenfalls fühlt sich alsbald wie ein blasser Insasse in „Das Boot“, das auf der Suche nach Treib- und Sauerstoff durch zerstörte Gefilde irrfahrtet, die früher einmal Häfen waren.

Bühnenbildnerisches Untergangs-Pathos: Bevor sich ein Assoziationsraum öffnet, stößt man mit dem Kopf schon wieder gegen Stahlbeton, dem selbst die Sprengkraft einer entfesselten Fantasie nichts anhaben kann.

Doch nicht genug damit, dass Marellis Gehäuse keinen psychologischen Resonanzkörper bietet, er treibt Debussys lyrischem Drama auch die Musikalität aus. Obgleich als Einheitsraum konzipiert, verlangt der Bunker immer wieder nach Umdekorationen. So kommt die Fassung mit Zwischenspielen zum Einsatz, die Debussy selbst nur grollend wegen der lahmen Bühnentechnik des Uraufführungstheaters komponierte. Wer jemals die Chance hatte, „Pelléas“ ohne diese retardierenden, in müden Tempi gehaltenen Passagen zu hören, der weiß, wie magisch dieses ideale, unmerkliche Fließen sein kann. Marellis Ausstattungstheater macht den Einsatz der Urfassung unmöglich, nach jeder Szene wird der Vorhang zugeschoben und neue, musikalisch völlig sinnwidrige Leerstellen entstehen. Das Loch vor dem fünften Akt nervt selbst den geduldigen Dirigenten Marc Albrecht so sehr, dass er gelangweilt seine Füße aufs Dirigentenpult stellt.

Dabei hatte Albrecht bis dahin hoch motiviert mit dem Orchester der Deutschen Oper gerungen, immer wieder versucht, die Lautstärke zu drosseln, um die Stimmen der Sänger nicht zuzudecken. Viele Details hat er so mit seinen Musikern entdeckt, doch über den Abend wirkt sich sein dämpfender Impetus lähmend aus. Unter der permanenten Fahrt mit angezogener Handbremse leidet die Reaktionsschnelligkeit, die Agilität, der musikalische Fluss stockt. Dem stemmt sich aus einem durchweg hörenswerten Ensemble vor allem Laurent Naoris Golaud mit großer Präsenz entgegen. Schwarz die Stimme, starr der Blick: ein erschütterter Getriebener. Seinem träumerischen Halbbruder Pelléas schenkt Richard Croft sympathisch schlanken Tenorschmelz, der das große Haus aber nicht ganz erfüllt. Veronique Gens als Mélisande übersteht mit damenhafter Nonchalance auch triefende Sterbeszenen. Wer aber die darstellerischen Qualitäten der umwerfenden Sunhae Im als Knabe Yniold erleben will, sollte die Wiederaufnahme der Wieler/Morabito-Inszenierung in Hannover am kommenden Samstag nicht verpassen. Da darf das Ensemble mehr als nur Wassertreten.

„Pelléas“ in Berlin entpuppt sich als ein Besorgnis erregender Fall von künstlerischer Wassersucht. Weil Herz und Nieren in dieser Bunker-Inszenierung viel zu schwach dimensioniert sind, lagern sich im ganzen Opernorganismus Flüssigkeiten ab. Da wirkt metaphorisch aufgeschwemmt, was mit feinem Pinselstrich die kaum fassliche Nachtseite des Seins zu fassen sucht. Marellis brackiges Bildermärchen dürfte daher kaum nach dem Geschmack von Kirsten Harms sein. Doch welches Musiktheater die Intendantin selbst an der Deutschen Oper zeigen möchte, wird man erst nach 2006 erleben können. Unmöglich, bis dahin immer gute Miene zu den mitunter verworrenen Planungen der Vorgänger zu machen. Und so muss Harms irgendwann auch einmal sagen, wofür sie steht. Denn bald schon ist es nicht mehr getan mit einem Lob der Bühnenarbeiter.

Wieder am 14., 21., 24. und 28. Oktober.

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