Kultur : Der Vater, der Vampir - Eine mitreißende Literaturverfilmung von Mike van Diems

Carla Rhode

Welch ein Glück! Eine Literaturverfilmung, die ihre Vorlage nicht nur kongenial umsetzt, sondern sie auch noch ins Universelle steigert. Leidenschaft, Machtbesessenheit, maßloser Stolz - das sind die Eigenschaften der drei Hauptfiguren einer ebenso bedrückenden wie mitreißenden Geschichte. Und welche ein Stoff! In Deutschland ist der spätexpressionistische niederländische Autor Ferdinand Bordewijk (1884-1986) nahezu unbekannt, in seiner Heimat wird sein Werk immer wieder neu aufgelegt, sein Roman "Karakter" (1938) gilt als Klassiker. Mike van Diems großer Film, letztes Jahr mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet, sollte auch ein Lesepublikum für Bordewijk gewinnen.

Mit hochdramatischer Kameraführung (Rogier Stoffers) und einer Lichtregie, die an den expressionistischen Film erinnert, reißt uns Diem in eine düstere und zerstörerische Vater-Sohn-Beziehung. Ein Kräftemessen, das an die Grenzen der Belastbarkeit geht und mythologische Gewalt entwickelt. Der mächtige Gerichtsvollzieher und Bankier Dreverhaven (Jan de Cleir) gilt im Rotterdam der dreißiger Jahre als gehaßter Mann. Schulden sind für ihn der Beweis für Charakterschwäche, wer seine Miete nicht zahlen kann, wird auf die Straße gesetzt. Alle fürchten sich vor ihm, nur Joba (Betty Schuurman) nicht, seine schweigsame Haushälterin. Als sie nach einer Vergewaltigung ein Kind von ihm erwartet, setzt sie ihm sogar Widerstand entgegen. Sie will weder Heirat noch finanzielle Unterstützung und verlässt sein Haus. Und schon rollt die Tragödie lawinengleich auf die Figuren zu und stürzt sie in den Abgrund.

Joba zieht es vor, mit ihrem Sohn Jacob Willem Katadreuffe (Fedja van Huet) im Elend zu leben als abhängig zu sein von einem Menschen, den sie verabscheut. Eine Rückblende - in Gang gesetzt durch ein Polizeiverhör, denn Dreverhaven wurde tot aufgefunden, und sein Sohn wird des Mordes verdächtigt - fügt Katadreuffes Lebensgeschichte als leidenschaftlichen Konflikt mit dem übermächtigen Vater zusammen. Als uneheliches Kind geächtet und von der verstummten Mutter nicht gerade mit Liebe umsorgt, gelingt es Katadreuffe dennoch, Karriere zu machen. In einer großen Firma, deren menschliche Atmosphäre der Hybris des grausamen Dreverhaven entgegengesetzt wird, arbeitet Katadreuffe als beliebter Rechtsanwalt, gerät aber ahnungslos durch einen Kredit, mit dem er sein Studium finanziert hat, in die Fänge des Vaters. Ein gnadenloser Vernichtungskampf beginnt.

Bis zuletzt wirkt Katadreuffe wie ein Spielball seines Vaters. Die massige Gestalt Jan de Cleirs verleiht ihm etwas Monströses; wie ein Vampir huscht er mit wehendem Mantel von einem Schuldner zum nächsten und delektiert sich doch am meisten am Unglück seines Sohnes. Der kann der Ablehnung nur mit äußerstem Ehrgeiz begegnen, denn buhlt er nicht sein Leben lang nur um Anerkennung? Ein mitreißendes, hoch spannendes Psychogramm.Blow Up, Filmkunst 66, Scala

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