Kultur : Der Vaterverlassenheitsknacks

Brillante Miniatur: Daniel Burman erzählt in „El abrazo partido“ von einer Familie in Buenos Aires

Jan Schulz-Ojala

Wie dieser Film sich Zeit lässt, ohne langsam zu sein (im Gegenteil)!

Zum Beispiel Ariel, der Sohn, die Hauptperson: Fünf Minuten lang haben wir schon seine angenehme Stimme gehört, wie er die Verwandten und Nachbarn in der kleinen Ladenpassage im jüdischen Viertel von Buenos Aires vorstellt, wo seine Mutter ein Lädchen für Damenunterwäsche betreibt, die Kamera hastet von Laden zu Laden, von Gesicht zu Gesicht, stöbert Leute beim Handeln auf oder beim Tratschen oder Nichtstun, schon kennen wir das mikrokosmische Universum seines Lebens, und immer noch ist der Sohn selber nicht im Bild, nur sein Hinterkopf, und erst dann kommt die Kamera für einen Augenblick zur Ruhe wie zur Besinnung: Ach, richtig, vielleicht sollte ich auch ihn zeigen. Kein schlechtes Gesicht übrigens; ein bisschen weich vielleicht, aber das ist nur, um eine Wut zu tarnen.

Oder Elias, der Vater, Ariels heimliche Hauptperson: Eine Stunde Film ist hingegangen, und plötzlich ist er da. Nicht, dass ihn jemand angekündigt hätte, diesen hageren Mann im hellen Anzug, den wir erst nur von hinten sehen, es ist bei einem ziemlich lustigen Sackkarrenrennen zwischen zwei Lagerarbeitern, an dem unser längst vertrautes Lädchenpersonal als johlende Zuschauermeute teilnimmt, aber da ist auf einmal dieser fremde Körper, ein Fremdkörper, und sofort wissen wir, es ist Elias. Die Kamera fängt Blicke auf, Blitze zwischen ein paar Leuten, unvermuteter Augenblicksernst mitten im Fest, und Ariel weiß, mein Vater, der verhasste, der ersehnte, ist angekommen. Dann erst zeigt die Kamera sein schmales, altes Gesicht. Kein schlechtes übrigens; ein bisschen hart vielleicht, aber das ist nur, um einen Schmerz zu tarnen.

Wie dieser Film seinen Ernst auch herausschält ganz gemächlich aus der Heiterkeit, ohne dabei schwer zu werden (im Gegenteil)!

Ariel also. Späte Mitte Zwanzig, Architekturstudium abgebrochen, nichts ernstlich Anderes angefangen, Aushilfe bei Mama im Wäscheladen hinter Glas, auf dem „Creaciones Elias“ steht. Ariel, die zweite der Elias-Schöpfungen; es gibt da noch Joseph, den acht Jahre älteren Bruder, der macht in Import-Export von Trollpuppen, Mountainbikes und kanadischem Honig, was eben immer mal wieder Rendite abzuwerfen verspricht, nein wirklich, Joseph ist schwer in Ordnung. Ariel ist der, der den Knacks hat, den er langsam zu hören beginnt in sich selber, den Vaterverlassenheitsknacks, dem er auflauert und hinterherlauscht. Elias ist kurz nach Ariels Geburt abgehauen nach Israel, angeblich um im Jom-Kippur-Krieg zu kämpfen – aber wäre er nicht besser zurückgekehrt, um nicht nur die Söhne und Töchter Israels, sondern den eigenen Sohn zu retten aus der Vaterverlassenheit? Hätte doch auch ein gottverdammt schönes Projekt sein können? Statt bloß durchs Video zu huschen von Ariels Beschneidung, verwischtes Brillengesicht, hastig durchs Bild flüchtend vor dem großen Aufbruch; oder statt in jener idiotischen Anekdote herumzugeistern, die die Ladenleute sich immer erzählen, wenn sie sich sonst aber auch gar nichts mehr zu erzählen haben, der Anekdote vom Glas verdorbene Mayonnaise, das Elias mal ... und so weiter?

Wirklich nicht komisch, diese Anekdote, aber wenn Osvaldo sie irgendwann erzählt, der langweiligste und erfolgloseste Schreibwarenhändler der Welt, im späten dritten Fünftel des Films, ist sie plötzlich brüllkomisch, ohne dass irgendwer lacht. Oder wenn Kim, der nette Feng-Shui-Ladenbesitzer, dessen Spanisch grundsätzlich niemand versteht, sich sehr ernsthaft am großen Gemeindepalaver beteiligt. Oder wenn die Mutter mal wieder ablenkt von der Erinnerung an den Vater, nach dem Ariel immer bohrender fragt, wenn sie abbiegt in irgendeine Nebengeschichte, eine wunderbar schreckliche Ausfluchtsilbenfabrikantin, bis sie dann doch eine kleine Wahrheit wie einen Mitesser ausdrückt, hat da immer mitgelebt und nicht weiter gestört, und jetzt weg damit. Aber da ist der Film längst ohne Aufhebens in seiner Mitte angekommen. Und der einarmige Bandit Elias ganz eindeutig zurückgekehrt, der Flüchtling, der Kämpfer, der Held. Unsinn, der Nichtbandit, der Nichtheld. Aber einer, der jetzt vielleicht für länger mal dableiben könnte.

Schon zu viel verraten? Ach was, nur das noch. Regisseur Daniel Burman ist erst 32 und das hier – nach eigenem Drehbuch – schon sein vierter, ganz wunderbarer Film. Ramiro Civitas Handkamera: Erst ist sie unruhig, dann guckt man sich in sie ein und versteht jede ihrer oft witzigen, manchmal ungläubigen Unruhen – habe ich richtig gesehen, habe ich dem immer wieder frech vor mir davonhüpfenden Leben korrekt hinterherfokussiert? Miniaturen das alles, Alltagsfussel, Anekdoten, Szenen von Lädchen zu Lädchen, so eng manchmal, dass die Kamera durch Glas filmen muss, aber das Glas ist so schön dünn hier zwischen den Leuten. Wichtig auch: Letztes Jahr hat „El abrazo partido“ den Silbernen Berlinale-Bären bekommen und Hauptdarsteller Daniel Hendler dito, bestimmt stellvertretend für das großartige Ensemble.

Bleibt der Titel, kein schlechter übrigens. „Geteilte Umarmung“ bedeutet er, und er spricht von einer Szene, die man nicht vergisst. Irgendwo habe ich gelesen, man – oder auch: mann? – hört nie auf, die Liebe seines Vaters zu suchen, egal wie alt man ist. Manchmal findet man sie in einem Film, ganz im Vorbeisehen, das ist schön.

Hackesche Höfe (OmU)

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