Kultur : Der vielschichtige Tanzreigen der portugiesischen Companhia Paulo Ribeiro

Norbert Servos

Vielleicht sind sie Traumverlorene oder doch hellwache Reisende bei der Entdeckung eines Landes. Auf jeden Fall sind sie entzückt, die acht Tänzerinnen und Tänzer in Paulo Ribeiros "Memories of Stone/Time Fallen". Zum Beispiel über die Musik (unter anderem Vitor Rua), die sie mitsummen, die sie zu immer neuen Tanzexkursionen animiert. Oder über die faszinierenden Gesichter in den Dia- und Videoprojektionen von João Pinto und Vojta Dukat.

Am Anfang erscheint auf der Leinwand riesengroß der Mond. Gut vorstellbar, dass sein fahles Licht bei der Geburt der portugiesischen Nationalmusik Pate gestanden hat. Denn zur Schwermut des Fado passt am besten das Zwielicht der Nacht. Wie ein Leitstern führt der Mond die Reisenden bei der Fahrt. Im Expo-Jahr 1998 hat Paulo Ribeiro mit seinem achtzigminütigen Stück seinem Heimatland eine Liebeserklärung gewidmet. Die beschränkt sich - anders als bei Joachim Schlömers Hommage an Lissabon - jedoch nicht auf bloße Reiseführerprosa. Schwankend zwischen sanfter Melancholie und kraftvollen Attacken versucht er eine Annäherung voller Widersprüche und innerer Spannungen.

Das ist auf der einen Seite eine offenbar unbezwingbare Tanzlust, die immer wieder von den vier Frauen und vier Männern Besitz ergreift. Ribeiro hat in den vielen kleinen Sequenzen zahlreiche Anleihen aus dem Volkstanz eingewoben. Doch in anarchischer Lust zerstört er die gebändigte Form und lässt sie ausufern. Die Leidenschaft wiegt mehr und sprengt die geordneten Formationen. Nur kurz treffen sich die Tänzer in einer Reihe, in einem Kreis. Immer wieder ergreifen sie vom Raum Besitz, verlieren sich, einzeln oder paarweise, in ekstatischen Exzessen. Stets antworten sie dabei auf die behutsamen Beobachtungen der Kamera: Aufnahmen alter Fotos, Walzer tanzende Paare und einsame Alte, eine Fahrt an einem nebligen Regentag.

Doch Portugal ist nicht nur das Land einer unstillbaren Sehnsucht, die sich im Fado Ausdruck verschafft. Es ist auch ein Land im Umbruch, in dem sich ein neuer Aufbruchsgeist an einer uralten katholischen Tradition reibt. So scheren immer wieder einzelne aus, feixen und flirten ins Publikum, ertasten lustvoll gegenseitig ihre Körper. Wie in Zeitlupe zerrt die Gruppe einer Frau das Kleid von den Schultern, um sie dann zu bespucken. Ein Mann trägt die Geächtete mit ausgebreiteten Armen wie ein Kreuz. Zweierlei scheint in dem Bild geborgen: ein Nachtstellen des christlichen Leidensweges ebenso wie eine Bestrafung erotischer Freizügigkeit.

Ribeiro verkneift sich jede allzu fixe Festlegung. Er versucht vorsichtige Annäherungen ohne einen ideologischen Leitfaden. Angenehm frei kann sich der Betrachter mit den Akteuren auf diese Reise begeben und seine eigenen Entdeckungen machen. Verstörendes begegnet ihm dabei ebenso wie Altvertrautes.

Gegen Ende jedoch lässt Ribeiro sein Stück in eine endlose Reihe von Sequenzen zerfallen. Kaum erkennt man noch, worauf er es abgesehen hat: die Spannungen eines Landes im Umbruch auszutragen oder doch dem schönen Tanzen nachzugeben. Mag sein, hinter allem ist das die tiefste aller Sehnsüchte.

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