Kultur : Der Wahn des Vollkommenen

HELLMUTH KARASEK

Eine solche Filmsequenz hat es eigentlich nie vorher und nie nachher wieder gegeben: Die Menschenaffenherde, die im Kampf um ein Wasserloch zum ersten Mal mit einem Knochen andere Affen totschlägt oder vertreibt, erlebt das als diabolischen Triumph; mittels eines Tötungswerkzeugs werden aus Tieren mit einem Erweckungsschlag Menschen - das Wettrüsten der Menschheit hat begonnen.

Den Bruchteil einer Sekunde erschreckt der Herdenführer über seine Macht, über seine Totschlägerfähigkeit, dann geht ein triumphales Leuchten über seine Züge, sein Tiergesicht vermenschlicht sich, indem es sich entmenschlicht, er starrt den Knochen, der Ähnlichkeit mit einem Bumerang hat, an, begreift seine Macht und wirft den Knochen hoch, hinauf in den leeren Himmel: In Slow-Motion dreht sich das Werkzeug in einen sanften Wirbel.Schnitt.Aus dem Knochen ist ein Weltraumschiff geworden.

Ich erinnere mich, wie ich die Szene 1968 zum ersten Mal sah - "2001, A Space Odyssey" wird dreißig, während der Schöpfer des Films, Stanley Kubrick am heutigen Sonntag siebzig wird -, es war wie eine Erhebung, ein Augenblick aus Glück und Erschrecken, man verspürte, wie ein Film die Fähigkeit entwickelte zu philosophieren, wie das Gesamtkunstwerk Film in seiner Sprache, die sich aus Bild, Schnitt und Musik zusammensetzt, Erkenntnisse freisetzt, Augenblicke der Erhellung.

Kubrick hat die damals für seinen Film komponierte Musik verworfen, stattdessen auf Musik von Ligeti, Chatschaturjan, Johann Strauß und Richard Strauss zurückgegriffen.Und in dem genialsten Schnitt der Filmgeschichte findet ein Wechsel zweier "Strauße" statt, von "Also sprach Zarathustra" zum "Donauwellenwalzer", vom Aufbruch der Menschheit in ihre Raubzüge und Überlebenskämpfe, den die Richard-Strauss-Musik pathetisch heroisch untermalt zum majestätischen Dreivierteltakt-Ballett, daß das dunkle Schweigen des Alls erfüllt, zu erfüllen versucht.

Kubricks Musikwahl wurde zum akustischen Signal einer Epoche.Und wieder folgte dem Schnitt ein genialer Szenenwechsel: aus dem majestätisch langsam rotierenden Raumschiff ins Innere.Mit einem unmerklichen Augenzwinkern versetzt uns der Film in eine plüschige Hilton-Welt und Pan-Am-Zivilisation aus Babyfarben und Kunststofffasern.

Wenn es je einen Kultfilm der 68er gab: die "Odyssee" Kubricks wurde zum Schlüsselfilm einer Epoche, wie übrigens "A Clockwork Orange", ein Film der den perfiden Zusammenhang und Zusammenhalt von Gewalt und Progress, von Repression und Liberalität zeigt, 1971 ebenfalls zum die Zeichen einer Zeit setzenden Werk wurde.

Beide Filme verstehen zu philosophieren.Sie argumentieren mit optischen Balletten, sie können sich dabei auf intensiv geführte Schauspieler verlassen, auf die stupenden optischen und technischen Fähigkeiten ihres Herrn und Meisters.Der Zweikampf der beiden Weltraumfahrer mit dem Computer "Hal" ist ein solches Beispiel einer solchen Philosophie, die Kubrick mit Swiftschem Witz und Sarkasmus verunstalten kann.Ich kenne keinen anderen Regisseur und Filmemacher, der derart konsequent und scharfsinnig mit seinen Filmen "denken" kann und der doch nie kopflastig wird, sondern stets in Bildern, in menschlichen Konstellationen, in Handlungsabläufen denken kann.

Daß der Film, daß das Kino ein diagnostisches Instrument der Selbsterkenntnis des Menschen ist - kein anderer hat das so schlagkräftig, so konsequent, so opulent wie Stanley Kubrick bewiesen.

Ich hatte das Glück, daß ich Kubrick, nachdem er 1987 "Full Metal Jacket" abgedreht hatte und am Endschnitt arbeitete, in den nahe Londons gelegenen Pinewood-Studios besuchen und interviewen konnte.Hierher, nach England, wo er 1960, man kann sagen: emigriert, aus Hollywood geflüchtet war, weil er, der Widerborst und Einzelgänger, in die gut geölte Maschinerie der Traumfabrik nicht mehr passen wollte.

Ich saß in einem Rokoko-Raum aus Pappkulisse und wartete.Nach einstündiger Verspätung stürzte Kubrick ins Zimmer, entschuldigte sich, höflich, aber mit der Selbstverständlichkeit, mit der sich ein Workaholic und Perfektionist mit den Notwendigkeiten seiner Arbeit entschuldigt: es habe da wohl ein paar Schwierigkeiten im Schneideraum gegeben.Nie habe ich mit einem freundlicheren, aber gleichzeitig arbeitsversesseneren Regisseur gesprochen.Kubrick, dunkelhaarig, mit dunkel blitzenden Augen, die einen klug, freundlich ansehen, spöttisch ansehen, geht mit einer Intensität auf den Gesprächspartner ein, als versuche er, die ungeheure Kraft und Intelligenz, die er in seine Filme einbringt, auch auf den ihn Interviewenden zu übertragen, wie auf ein Medium.

Kubrick erzählte, wie er jahrelang die Literatur durchforste, um den geeigneten Stoff für seine Filme zu finden, mit schwärmerischer Begeisterung spricht er von Büchern.Ob er sich schon mal "vertan" habe? Ja, bei Nabokovs "Lolita" sei sein Film weit hinter den Möglichkeiten der literarischen Vorlage zurückgeblieben.Das habe sicher mit den moralischen Restriktionen zu tun gehabt, die 1961 im Film geherrscht hätten, werfe ich ein.Nicht einmal, sagt Kubrick, nein Nabokovs Roman sei einfach zu perfekt in Sprache überführt, als daß da ein anderes Medium, also der Film, eine Chance hätte.

Themen, das sind und waren für ihn, den besessenen Perfektionisten, immer auch technische Herausforderungen.Kubrick, der mit seinem Team tage-, ja wochenlang auf den "richtigen" Sonnenaufgang wartete (was uns schmelzen ließ wie Sonne den Schnee), weil England eben nicht Hollywood ist, wo die Filmemacher einst wegen der ewigen Sonne hinflohen, Kubrick hat "Full Metal Jacket" (1987), hat die Tet-Offensive, bei der die alte Kaiserstadt Huë dem Vietcong in die Hände fiel - der Anfang vom Ende des Vietnam-Kriegs -, bei einer einmaligen Gelegenheit gedreht, nachdem er darauf geduldig gewartet hatte: bei der tatsächlichen Sprengung einer stillgelegten englischen Industriestadt.

Das Zerbersten der Häuser wirkte frappierend echt.Kubrick nahm in Kauf, daß die tropische Atmosphäre des Dschungelkrieges unter bedecktem englischem Himmel stattfindet.Kritikern, die ihm das vorwarfen, hielt er die Wetterberichte entgegen: die Tet-Offensive habe bei bewölktem Himmel stattgehabt.

In "Barry Lyndon", dem Abgesang auf eine kunstvolle, gekünstelte Rokoko-Welt mit ihrem verdorbenen Raffinement, nutzte er als erster neues hochempfindliches Filmmaterial, mit dem sich bei Kerzenlicht filmen ließ.Welch ein Schauspiel erlebte der Zuschauer! Überschminkte Gesichter höfischer Puppen und Marionetten, die die Maskeraden einer Zeit offenbarten und entlarvten.

Kubrick ist, wenn man so will, ein nihilistischer Filmemacher, er ist ein nihilistischer Moralist, der den Untergang von Zeiten und ihrer Moral im Pathos auffängt.Das mag das Pathos eines Gangsterklüngels sein ("The Killing" 1956), der am Bruch des eigenen Kodex scheitert, das mag ein in die Zukunft projizierter Untergang sein - wie ihn Kubrick in der "Odyssee" oder in "Clockwork Orange" mit zynischer Schwermut und Trauer zelebriert hat.

1957 drehte er "Paths of Glory", den Antikriegsfilm aller Antikriegsfilme, ein eisig einsames Meisterwerk, das den Untergang einer alten Welt im Ersten Weltkrieg auf der Seite des scheinbaren (französischen) Siegers festhält - als Korruption einer erstarrten Militärkaste.1964 ging seine Weltuntergangsatire über die absurden Drohungen des Kalten Krieges durch die Kinos: "Dr.Seltsam", ein Film, der mit grausiger Logik die grausige Unlogik des Wettrüstens und der Atom-Erstschlags-Drohung vorführt - ein Film, der wie viele Filme Kubricks ein kehlig verzweifeltes Gelächter provoziert.

Und "Full Metal Jacket"? Nie hat ein Film wie dieser in seinem ersten Teil die schreckliche Abrichtung, den perfiden Schliff gezeigt, mit dem beim Militär (hier bei der Elite-Truppe der "Marines") aus jungen Männern entmenschlichte Kampfmaschinen werden.

Der Mensch des Menschen Wolf - nur Formen und Konventionen bewahren ihn davor, zerfleischend übereinander herzufallen.Kubrick zeigt den Verfall der Konventionen, etwa in dem Jack-Nicholson-Film "The Shining" (1980), wo die Isolation von der Zivilisation das menschliche Antlitz in eine Wahnsinnsfratze verwandelt.

Seit Jahren arbeitet Kubrick - unter der üblichen tiefsten Geheimhaltungsstufe, durch die nur das Rumoren der Arbeits- und Besetzungskrisen dringt - an einer Schnitzler-Verfilmung, auch eine Welt elegischen Untergangs.Zu hoffen ist, daß der Film noch in diesem Jahrtausend fertig wird.Bei dem Perfektionisten Kubrick, der sich in seinen Vollkommenheitswahn verläuft wie seine Filmgestalten in Gartenlabyrinthen, ist das durchaus nicht sicher.

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