Kultur : Der Weg zum Kopffüßler

Die Galerie Deschler überrascht mit frühen Werken von Horst Antes.

Michael Nungesser

Als einer der großen Künstler der deutschen Nachkriegsgeschichte wird Horst Antes derzeit im Martin-Gropius-Bau durch einen imposanten Überblick über sein malerisches Werk gewürdigt. Parallel zeigt die Galerie Deschler eine kleine, aber herausragende Schau früher Werke von Antes. Sie stammen aus der Umbruchszeit vom expressiv-abstrakten zum archaisch-figurativen Maler – oder übersetzt in den kunsthistorischen Jargon: die Geburt des Kopffüßlers. Dabei kann Galerist Marcus Deschler auf teils noch nie gezeigte, meist in Mischtechnik ausgeführte Werke zurückgreifen (Preise auf Anfrage), die aus der Sammlung seiner Eltern Kurt und Vera Deschler aus Ulm stammen. Sie wurden einst in der Zeit ihrer Entstehung und in engem Kontakt mit dem Künstler erworben.

Als der 1936 geborene Horst Antes in Karlsruhe bei HAP Grieshaber studierte, herrschten im Westen als vermeintlicher Ausdruck von Freiheit und Ergebnis einer quasi naturwüchsigen Entwicklung abstrakter Expressionismus und Informel. Doch Antes wurde nicht nur durch Grieshabers expressive Holzschnittkunst geprägt, auch Willem de Kooning, die CoBrA-Gruppe sowie Kindern und Naturvölkern eigene Ausdrucksformen vermittelten Impulse. Ihn leitete nicht die Abkehr von der Gegenstandswelt, sondern ihre Überführung in eine magisch-emotional aufgeladene, in das Innere allen kreatürlichen Lebens vordringende Bildsprache, die fast immer durch ein leuchtendes, pulsierendes Kolorit gefangen nimmt.

Schon das früheste Gemälde der Ausstellung, der „Kopf“ (1958–59), zeugt von Antes’ Hinwendung zum physiognomischen Zentrum des Menschen, aber noch ist dieses verhüllt und in eine flächige, Körper, Gliedmaßen und Umraum andeutende Komposition eingebunden. Landschaft als chaotischer Urraum ist oft noch bildbeherrschend und verleiht sowohl „Erdbild“ (1960) wie „Waldbild (Sommerbild)“ von 1961 ihre eigentümliche Stimmung, wobei mikroorganische Formen keine eindeutige Bestimmungen zulassen. In dem titellosen, als „Kopffüßler Komposition“ (um 1960) bezeichneten Werk tauchen zwei Gestalten wie gleitende embryonale Wesen auf, gänzlich einbezogen in einen zellartigen, farbbefeuerten Lebensstrom. Das Besondere an diesem Gemälde ist seine friesartige Komposition, mit der es eine ganze Galeriewand einnimmt. Das ungewöhnliche Format erklärt sich aus den Räumlichkeiten des Sammlerehepaares, auf die das Gemälde abgestimmt war. Gleiches gilt für zwei weitere Werke. Zum einen die titellose, als „Figur mit Wolke“ (um 1965) bezeichnete zartfarbige Malerei auf Eternit. Die ins Große gehende Komposition befand sich viele Jahre auf einer Hausfassade. Zum anderen gibt es den nicht minder großflächigen „Paravent schwarz-weiß“. Über acht Elemente hinweg sind Antes' inzwischen ausgereifte weibliche und männliche Kopffüßler zwischen Wolken und einem Hasen anmutig aufgereiht.

Auch die Gemälde „Paar mit Vogel“ und „Der Diamantenspalter“ aus den Sechzigern gehören in Antes’ nun lange Jahre von Kopffüßlern beherrschte Bildwelt. Die im Profil erscheinende Gestalt des Menschen, mit einem oder mehreren Augen und überdimensionalen Greifhänden an Armstümpfen, erscheint als Archetyp, an dem der Künstler existenzielle Situationen durchspielt. Das klar als blaue und rote Figur gefasste Paar verbinden ein als Briefumschlag lesbarer Gegenstand und ein Vogel mit menschlichem Kopf, der das Gesicht der einen Figur fast gänzlich verdeckt. Während die Begegnung als Liebesszene deutbar ist, wahrt der Ehrfurcht einflößende „Diamantenspalter“ sein Geheimnis. Michael Nungesser

Galerie Deschler, Auguststr. 61; bis 7. 9., Di–Sa 12–18 Uhr

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