Kultur : Der Weiße Hai

Klangwerkstätten in Bethanien und im Ballhaus Naunynstraße

Carsten Niemann

„Wenn man das Nichts hören will, dann muss man es locken. Wenn man das Nichts fangen will, muss man ein Netz knüpfen. Macht man die Maschen groß, so schaut es einen an. Treibt man das Spiel zu weit, so ist plötzlich alles fort.“ Schöne Worte, die Oliver Korte seiner neuen Komposition für das Modern Art Sextet voranstellt. Leider knüpft er die Maschen ein wenig zu eng, so dass statt eines kapitalen Nichts nur ein paar glänzende Silberfische effektvoll verfremdeten Klavierklangs und viel Meditationstang aus leisen Klang- und Geräuschflächen hängenbleibt. Wobei die meisten übrigen Netze, die bei der Klangwerkstatt Berlin im Ballhaus Naunynstraße sowie im Künstlerhaus Bethanien geknüpft werden, jämmerlich reißen oder vom Weißen Hai der Langeweile zerbissen werden. Wie scharf deren Zähne sein können, beweist das Ensemble Zwischentöne mit frisch komponierter Öde aus den Staaten: In „this moment is empty“ nervt Marc Tayle mit dem schlichten Einfall, zu Pieptönen eines Zeitzeichens Geräuschschrott aus immerhin sieben CD-Playern in die Gehörgänge zu kippen. In Michael Pisaros „The collection“ gelingt gar Kunststück, selbst die demonstrative Stille zu Beginn und Schluss abgegriffen wirken zu lassen.

Mutig erscheint da das Duo Andrea Neumann/Sabine Ercklentz: Die gelernte Pianistin Neumann schlachtet das Innenleben ihres Instruments aus, während die anderen Musiker Klappen und Saiten artig an den Instrumenten belassen. Außerdem wagen es die beiden Geräuschkünstlerinnen, ihre versponnenen Schab- und Anblasgeräusche der so erholsamen wie primitiven Wirkung simpler Rhythmen auszusetzen. Ansonsten gilt: Wenn der Komponist nicht mehr weiter weiß, nimmt er einen Schlüsselreiz. Nenne deine Studie „Arietta“ (Beethoven, Op. 111!) oder „Adagietto“ (Mahler!). Oder versichere, dass das verzerrte Videomaterial deiner Installation kurz nach einem Mordanschlag in Belfast aufgenommen wurde. Die Suche nach der Grenzerfahrung ist ehrenwert. Allerdings läuft sie Gefahr, zwischen intellektuellem Bungee-Jumping und ritueller Langeweile zu enden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar