Kultur : Der Widerstand wächst

Die Hamburger kämpfen für ihr Altonaer Museum

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Wie ein Wikinger kämpft Museumsdirektor Torkild Hinrichsen aus Altona gegen das Aus des Hamburger Senats für sein 147 Jahre altes Traditionshaus im vormals dänischen Part der Hansestadt. Der bärtige 62-jährige Hüne mit dänischer Mutter und einem Vater aus Nordschleswig will den schwarz-grünen Abwicklungsbeschluss zur Einsparung von 3,5 Millionen Euro keinesfalls hinnehmen. Unterstützung kommt von Museumskollegen, Theaterleuten, Künstlern und Oppositionspolitikern bis hin zu Hamburgs SPD-Chef Olaf Scholz.

Auch in der Bevölkerung formieren sich Unverständnis, Zorn und Enttäuschung zu massivem Protest: 20 000 Bürger votierten inzwischen mit ihrer Unterschrift für die Erhaltung des Altonaer Museums. 6000 drängten sich beim Solidaritätsfest am 3. Oktober im schicken Glasfoyer, mit dem das alte Gebäude letztes Jahr für 3 Millionen Euro zukunftsbereit gemacht wurde.

Der Besucherstrom mit Kind und Kegel in das elbnahe Haus reißt selbst an Werktagen nicht ab. Viele wollen Abschied nehmen von der vertrauten Kunst und Kulturgeschichte vor ihrer Haustür – von Bildern und Dioramen, Kuttern, Schiffsmodellen und Galionsfiguren, Bauernstuben, Trachten und Spielzeug. Und erinnern sich dabei wehmütig an die legendären Ausstellungen zu Gurlitt und Schinkel, Lundbye und Hansen, zu Brautmoden, Gartenkunst, Schiffsschrauben, Schattenriss- und Sehmaschinen. Und dass dabei auch stets an kindgerechte Angebote gedacht wurde.

Unklar ist, was aus den 640000 Einzelobjekten werden soll, die das Museum beherbergt. Ihr Wert wird mit 200 bis 300 Millionen Euro veranschlagt. Abtransport und Lagerung gehen in die Millionen, und manche Exponate wie die Vierländer Bauernkate oder allerlei Fischereimodelle sind so fest mit dem Haus verwachsen, dass sie sich nicht demontieren lassen. „Hier geht es nicht um Schließung. Was droht, ist die Vernichtung“, klagt Torkild Hinrichsen.

An ein definitives Ende wollen die 70 Mitarbeiter des Altonaer Museums noch nicht glauben. „So schnell werden die uns nicht los“, sagt Pressesprecher Matthias Seeberg. „Wir sind nämlich nicht beim Altonaer Museum, sondern bei der Stiftung Historische Museen angestellt.“ Tatsächlich bezweifelt auch der Hamburger Anwalt Gerhard Strate in einem aktuellen Gutachten angesichts des rigiden Stiftungsrechts die rechtliche Durchsetzbarkeit des Auflösungsbeschlusses.

Sollte es doch dazu kommen, wäre das nicht nur ein erschreckendes kulturpolitisches Novum in der Bundesrepublik, sondern auch ein bedauerliches Fanal über Landesgrenzen hinweg. Denn das Altonaer Museum ist das einzige kunsthistorische Museum in Hamburg, das sich mit den Themenschwerpunkten Dänemark und Skandinavien beschäftigt. „Mit der Schließung würde diese Tradition abreißen“, sagtTorkild Hinrichsen. „Altona als seinerzeit zweitgrößte Stadt Dänemarks galt als Verbindung zum Süden und Tor zum Norden. Dieses kulturhistorische Kapitel aus der Museumslandschaft Hamburgs zu entfernen, wäre unverantwortlich.“ Und man darf hinzufügen: unwiderruflich. Vielleicht sollte der Museumschef schleunigst in Kopenhagen nachfragen, ob sein Haus etatmäßig nach Dänemark zurückdarf. Ulla Fölsing

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