Kultur : Der Witwenjäger

Moralin muss nicht sauer sein: Ulrich Wickerts Frankreich-Krimi

Oliver Fink

Hurra, der neue Wickert ist da! Fast jedes Jahr ein Buch! Und jetzt hat Tagesthemen-Uli gar einen richtigen Krimi gebastelt. Ein „Netz von Lügen, Verdächtigungen, Intrigen, Bedrohungen“, wirbt der Klappentext, was nicht zu viel versprochen ist. Jacques Ricou nennt Wickert seinen mit detektivischem Spürsinn ausgestatteten Untersuchungsrichter – eine Ausgeburt an Pflichtbewusstsein und Tugend. Wacker schlägt sich der Pariser im verdorbenen Polit-Milieu der illegalen Parteienfinanzierung.

Es beginnt in der Karibik. Dort schickt Wickert seinen schwitzenden Helden auf der Insel Martinique erst einmal von Plantage zu Plantage. Gesucht wird nämlich der Mörder des Ex-Generals Balthazar de Montagnac. Der hatte sein Dasein zuletzt als Betreiber einer umsatzträchtigen Geldwaschanlage gefristet. Dessen einstiger Bote aber lebt als „Planteur“ auf Martinique ebenso wie Balthazars selbsterklärter Feind, der kurz vor der Tat damit gedroht hatte, den General eigenhändig mit einem seiner Jagdgewehre zu erlegen. Aha, der Mörder? Das soll hier freilich nicht verraten werden: Krimi!

Als „monsieur le juge“ eintrifft, wird Gilles Maurel, der Generalshasser, allerdings gerade seinerseits zu Grabe getragen. Aber es kommt noch dicker: Algerien, Vietnam – die Abgründe französischer Kolonialpolitik tun sich auf. Und eröffnen dieser übrigens „fast wahren Geschichte“ eine historische Tiefendimension, mit Hilfe derer dem wohlfeilen Verdacht, hier werde einfach nur dumpfe Franzosenkritik ventiliert, philosophisch hochgerüstet entgegengetreten wird: „Keiner ist besser oder böser, ob Franzosen, Russen, Deutsche oder Chinesen und Japaner, ob Christen, Heiden, Juden oder Muslime und Hindus. Was sollen die Wortspiele um den unmenschlichen Menschen! Der Mensch kann so oder so sein“, sinniert „Monsieur le juge“ gedankenverloren, während er die Vietnam-Erfahrungen Maurels aus dessen „Moleskine“-Notizbuch – dem „Kultobjekt“ – noch einmal nachliest.

„Monsieur le juge“ ist zu diesem Zeitpunkt schon nach Paris zurückgekehrt und macht sich gerade mal wieder verdächtig: „Aus den CDs kramte er den Buena Vista Social Club heraus, schob die Scheibe in den Player und legte sich in seinen Lesesessel.“ Ah, das „beflügelt“. Denn Jacques Ricou hat neben seinem Fall sich doch tatsächlich noch ein libidinöses Projekt aufgehalst. Auf der Trauerfeier von Gilles Maurel nämlich hatte er die Witwe Amadée, eine junge Kreolin, tanzen gesehen. Was anfangs eher verwirrt klingt: „Eine schöne Frau, und trotzdem offen und freundlich“, steigert sich langsam zur unüberhörbaren Sehnsuchtsmelodie: „Amadée, das war die Karibik, die Ferne, die fremde Frau“ – und schließlich trunken voller Poesie: „Amadée wirkte wie ein junges Mädchen aus einem alten karibischen Märchen.“

Der zivilisationsgestresste Richter aus Paris und die edle Wilde ohne Telefonanschluss. Kann das gut gehen? Bei Wickert schon. Don Juan, Femme fatale? Von wegen. Auf der abschließenden Dienstreise nach Martinique wird erst der Fall gelöst und dann geht’s ab zur Witwe, der lustigen. Nur, wird Ricou dort sein Zelt aufschlagen und die frei gewordene Stelle des „Planteurs“ wirklich ausfüllen? Etwas lässt ihn zögern. „Die Witwenpension reicht für zwei“, macht ihm Amadée Mut. Ha, das ist ein Argument!

Ulrich Wickert: Der Richter aus Paris. Eine fast wahre Geschichte. Hoffmann und Campe, Hamburg 2003. 256 Seiten, 19,90 €.

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