Kultur : Der Zahlensalat des Herrn

Ein bisschen Verschwörung muss sein: Die Ausstellung „10+5=Gott“ im Berliner Jüdischen Museum erkundet die Macht der Zeichen

Marius Meller

Wenn wir sowieso die meiste Zeit, die wir nicht am Bruttosozialprodukt mitwirken, vor der Glotze hängen – wieso sollen wir dann eigentlich in Ausstellungen gehen, in denen man in Groß- und Kleinbildmonitore starrt, Knöpfchen drückt, Kopfhörer aufsetzt und kaum einen Zufluchtsort findet, wo man nicht Teil einer so genannten interaktiven Installation ist? Wohin sind die guten alten Ausstellungen verschwunden, wo wir in Ruhe auf einer Wandtafel einen wohldurchdachten Text lesen konnten und dann anhand der Exponate einen Kontext selbst entdecken durften? Uns unseres eigenen Verstandes bedienen durften? Warum kann man zum Beispiel in der Ausstellung „10+5=Gott. Die Macht der Zeichen“ im Berliner Jüdischen Museum kaum einen Schritt gehen, ohne zusammenzuzucken, weil man wieder ein multimediales Brimborium sondergleichen ausgelöst hat? Ist das eine Frage des Alters? Ist man heutzutage schon mit Dreißig zu alt für eine Themenausstellung über die Tradition der jüdischen Zeichenmystik?

Dreißig Jahre aber sollte man nach der Überlieferung der Kabbalisten mindestens zählen, bevor man sich mit dem Buch Sohar beschäftigt. Der Sohar, das „Buch des Glanzes“, entstanden um 1300 in aramäischer Sprache, soll die Geheimnisse Gottes und der Schöpfung enthalten, die in der Thora, der jüdischen Bibel, für Eingeweihte nur zwischen den Zeilen zu lesen sind. Im Buch des Glanzes sind sie, wiederum verschlüsselt, ausgesprochen. Man sollte, so wollten es die Kabbalisten, fest im Leben stehen, um anhand des Sohar in den Abgrund des Seins zu schauen.

„Kabbala“ heißt wörtlich nur „Überlieferung“ und meint die Tradition von buchstaben- und zahlenmystischer Ausdeutung der Thora. Der Titel der Berliner Ausstellung „10+5=Gott“ spielt auf eine Kurzform des Gottesnamens aus den hebräischen Buchstaben Jod und He an, denen die Zahlenwerte 10 beziehungsweise 5 zugeordnet sind. Natürlich muss man in den elf Ausstellungsräumen des Altbaus im Jüdischen Museum ein Weilchen suchen, bis man an diese Information kommt. Schließlich soll der Besucher das Gefühl haben, er sei einem Geheimnis auf der Spur. Und sehr schön ist der Grundgedanke von Kabbala in einer Vitrine direkt am Eingang symbolisiert: Neun große Bachkiesel mit kristallinen Einsprengseln geben den Schriftzug „10+5=Gott“ wieder, ganz so, als würde die Natur in Lettern sprechen. Dass die Idee von der Zahlen- und Buchstabenhaftigkeit der Schöpfung und Gottes aber – mag sie auch im heiligen Buch der Juden ihren ersten Fokus haben und in der Kabbala ihre prägnanteste Ausformung – die ganze Geistesgeschichte des Abendlandes durchzieht, von den Pythagoräern über Platon bis in die Renaissance und den Barock: davon erfährt man in der Ausstellung nichts.

Stattdessen stolpert man in den düsteren Themenräumen, gleich nachdem man sich an der hübschen Vitrine mit den Bachkieseln erfreut hat, an einen neun Meter langen multimedialen, virtuellen Grabbeltisch, auf den ein Computer Zahlen projiziert. Mit der Hand kann man dann zum Beispiel die Zahl 13 „anklicken“ und erhält eine erhellende Information wie diese: „Freitag, der 13., gilt als ausgesprochener Unglückstag. Seltsamerweise gibt es seit der Geburt von Jesus mehr Freitage, die auf einen 13. gefallen sind, als auf irgendeinen anderen Tag im Monat.“ Mehr Licht!, möchte man da ausrufen. Unsinn ist das sowieso: Welcher Kalender – der jüdische, der julianische, der gregorianische oder welcher sonst – war denn hier Berechnungsgrundlage? Am virtuellen Zahlentisch hat man jedenfalls den Eindruck, man werde mit einer esoterischen Version des Gesellschaftsspiels „Trivial Persuit“ abgespeist.

Natürlich könnten sich die Ausstellungsmacher um den Kurator Daniel Tyradellis herausreden, die Schau sei eben keine reine Kabbala-Ausstellung. Vielmehr gelte es, das Phänomen Zeichen in einer Art Ausstellungs-Essay zu umspielen. So flimmert auf einer Großbildleinwand Graf Zahl aus der Sesamstraße. Ein Themenraum widmet sich dem Bankwesen, das ja schließlich auch irgendwie mit Zahlen zu tun hat. Einen Mathematikraum gibt es, wo man erfährt, dass ein Zahlenkünstler einmal seiner Frau ein Ballkleid mit einem mathematischen Muster schenkte. Und weil die hebräische Schrift nur aus Konsonanten besteht, befindet man sich plötzlich unter einer Art Lautsprecherdusche, aus der ein Jandl-Gedicht ohne Konsonanten tönt. Toll: Alles hängt mit allem zusammen. Wenn einem das zu Kopfe steigt, kann man sich im Raum mit dem Namen „Sprechzimmer“ mit knallharten Verschwörungstheorien um die Zahl 23 laben und erfahren, dass auch Psychotiker gerne mit Zahlen spielen.

Im Ausstellungskatalog liest man Genaueres zur Sekte der „Kabbalisten“, die von sich reden macht, seitdem sie Integrationsfiguren wie Madonna oder Britney Spears angeworben hat: Der israelische Autor Buaz Huss analysiert einen Madonna-Clip als „postmodernen Metatext“ mit „kabbalistischen Signifikanten als Teil einer Bricolage“ und freut sich, dass in der Kabbala-Sekte die „jüdische Mystik“ wieder „an die Oberfläche gekommen“ sei: „in einem neuen, postmodernen Gewand“. Der Aufsatz liest sich als erschreckend naive Blaupause der Ausstellung.

Die Sekte der neuen „Kabbalisten“ propagiert das Offenlegen der Jahrtausende gehüteten kabbalistischen Geheimnisse im „New Age“, im „Wassermann-Zeitalter“. Die Ausstellung „10+5=Gott“ suggeriert die mediale All-Verfügbarkeit von Erkenntnissen, die einst Resultat langjähriger Studien und Übungen waren. Aber die Schrift Gottes, das lehrt die Kabbala als Erstes, sie ist kein Einmaleins.

„10+5=Gott. Die Macht der Zeichen“ im Berliner Jüdischen Museum. Bis 27. Juni. Katalog 24,90 Euro.

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