Kultur : Der Zeitgeist aus der Tüte

Hamburgische Staatsoper: Karoline Gruber scheitert mit Verdis „Nabucco“ – und keinen stört’s wirklich

Christine Lemke-Matwey

Hoch und immer höher streckt sie das Bein, die Spieluhren-Ballerina, ganz sacht dreht sie sich im Kreis. Die Haare sehr blond, rosa das Tütü – der perfekte Kleinmädchentraum vom Glück. Dazu aus dem Halbdunkel rauer Kehlen: „Va pensiero, sull ali dorati“, der Gefangenenchor aller Gefangenenchöre. Ein treffliches Bild. Kitsch und Gefühl, Erinnerung und Klage, Weltschmerz und Utopie zwei, drei Wimpernschläge lang gebündelt. Die Vielheit in der Einheit, das Kleine im Großen, das Ich im Du im Wir und überhaupt: das Theater als das „höchste erreichbare Soziale“ – von nichts sonst singt ja Verdis Musik. Zieh, Gedanke, auf goldenen Flügeln.

Karoline Gruber aber, die Regisseurin, ist die allererste, die dieser Botschaft misstraut. Hurtig lässt sie hinter dem Kopfende des Karstadt-Bettenparadieses, welches die Bühne ziert (und auf dessen Nachttisch sich die Ballerina findet), Nabucco auftauchen, den babylonischen König. Dieser stürzt sich augenrollend auf Abigaille, seine natürliche Tochter, die sich unter Alpdrücken in besagter Bettstatt wälzt – weil oder obwohl sie gerade die väterliche Krone an sich gerissen hat. Kindsmissbrauch also, Unzucht mit der eigenen machtlüsternen Brut, und irgendwie ist man heilfroh, als sich zum Ende des Chores aus dem Schnürboden eine Art Litfaßsäule über das peinsame Geschehen stülpt. Aus der Traum vom rosa Tütü. Und der von „Nabucco“ gleich mit. Fehlgeburt. Und Abgang.

Damit wäre dann auch schon (fast) alles gesagt. Das Missbrauchs-Motiv springt einem schon in der Ouvertüre entgegen: In Gestalt eines Films, der Abigaille und Fenena, die beiden Halbschwestern, als liebreizende Kinderlein zeigt, wie sie um die Gunst des Vaters buhlen, Torten schleppen, Kissenschlachten schlagen, und wie dieser sie dafür mit netten „Hoppe, hoppe Reiter“-Spielchen belohnt. Mehr als ein bisschen Freud für Arme freilich bietet dieser Kunstgriff nicht. Dabei liegt die Schwäche der Aufführung zu gleichen Teilen im so genannten Konzeptionellen wie in dessen jämmerlicher Umsetzung. Karoline Gruber und ihr Team (Bühne von Stefan Heyne, Kostüme von Henrike Bromber) scheitern, weil sie nichts zu sagen haben und mit diesem „politischen“ Stück nullkommanichts anfangen können; sie scheitern, weil sie statt Raum und Zeit bloß einen blöden Rundhorizont auf die Bühne wuchten, für den sich 500 leibhaftige Hamburger haben fotografieren lassen (die Gesellschaft, ach ja), und weil sie meinen, Verdis Figuren in die üblichen trashigen Fummel stecken zu müssen. Mal mit, mal ohne zeitgeistige Plastiktüte. Das Ganze freilich geriert sich derart hilflos und hanebüchen oberflächlich, dass das durchaus Regie erprobte hanseatische Publikum schon nach dem ersten Bild missvergnügt mit den Füßen scharrt.

Natürlich ist es nicht (oder sogar nie) ganz falsch, zu sagen, wo Väter ihre Töchter derart erniedrigen und ausbeuten, da kann es um das Weltganze nur katastrophal bestellt sein, und ob in Soleras leidigem Libretto nun Gläubige gegen Ungläubige, Babylonier gegen Hebräer, Rote gegen Blaue oder Juden gegen Palästinenser kämpfen, spielt 2004 letztlich keine Rolle; und natürlich kann es keinesfalls darum gehen, das Jerusalem des 6. Jahrhunderts v. Chr. kurzerhand in den Irak, nach Guantanamo oder gar nach Israel selbst zu verlegen. Etwas aber hätte die Regie sich doch ausdenken müssen, das ihr und uns diesen kruden frühen Verdi halbwegs plausibel macht. Etwas, das aus der musikalischen Struktur heraus argumentiert, aus dem stockenden Fließen, dem dramatischen Gerinnungsfaktor dieser Partitur; etwas, das wesentlicher ist als jener aufgepappte Missbrauch – oder diesen zumindest unbarmherziger hineintreibt ins Fleisch der Figuren. Irgendetwas mit Folgen, mit Konsequenzen. Und sei es auch noch so bescheiden.

Karoline Gruber aber gefällt und genügt sich einmal mehr im szenischen Ausstopfen des gesungenen Wortes. Und so gipfelt Verdis musikalischer Realismus darin, dass Fenena sich, oho, in dem Augenblick, da sie vor dem Götzenbild des Baal hingerichtet werden soll, einen Dynamitgürtel umschnallt. Überhaupt wird heftig mit Pistolen und MPs herumgefuchtelt an diesem Abend, ständig halten irgendwelche Statisten irgendwelche Sänger in Schach, die keuchend und mit verzerrter Miene an die Rampe robben, das Heil beim Dirigenten suchend.

Auch Ion Marin jedoch am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters zeigte sich gründlich überfordert. „Nabucco“, so heißt es ja bisweilen etwas hämisch, sei Verdis lauteste Oper. In Hamburg war sie’s. Sturm und Drang hin, Vaterlandsliebe her – so unbehauen und roh dürfen die Gegenwelten dieser Partitur nicht aufeinander prallen, so nummernopernhaft harsch und uninspiriert wirkt Verdis ästhetischer Aufbruch allenfalls wie vorgeschoben. Stumpfer als die Schlussakkorde knallen nur die beiden Schüsse, mit denen sich Nabucco (Lado Atanelli als in die Jahre gekommener Latin Lover und sonorer Finsterling) und Zaccaria (pauschal, aber verlässlich: Simon Yang) am Ende, piff paff, gegenseitig niederstrecken. Und Ismaele, der Tenor, ringt dazu treu die Hände (Viktor Lutsiuk). Das Ganze im finalen Blackout, wohlgemerkt. Gewiss keine Lösung.

Die halbschwesterlichen Damen aber werfen sich allen Widrigkeiten und gähnenden Leerstellen zum Trotz kräftig in die Bresche: Georgina Lukács schenkt ihrer Abigaille neben loderndem Furor durchaus auch Töne des Verzagtseins, ja des anrührend stillen Leidens. Und Katja Pieweck als Fenena triumphiert – fast wie in alten Belcanto-Tagen! – mit schönem, sehnig geschmeidigem Sopran über alle erlittene Schmach.

Auf dem nächtlichen Weg zurück nach Berlin sinkt man verzweifelt in die Polster des ungarischen Speisewagens. Gibt es, so fragt man sich, an einem ehrwürdigen Institut wie der Hamburgischen Staatsoper eigentlich keinen Intendanten oder Dramaturgen, der das Schlimmste verhindert? Und wie kommt Karoline Gruber überhaupt dazu, an Häusern dieser Größenordnung zu arbeiten? Ihre Inszenierung von Haydns „Il mondo della luna“ 2002 an der Berliner Staatsoper war ebenfalls kein Ruhmesblatt. Grubers nächste Stationen, so lesen wir, sind Dresden und Tokio. Sie wird sich ernsthaft besinnen müssen. Sonst dürfte es bald aus und vorbei sein mit dem Kleinmädchentraum vom glänzenden Karriereglück.

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