Despotische Bauherren : Alte Stätten bejubeln - und so Tyrannen verehren

Alte Stätten gelten als Zeugnisse großer Zivilisiertheit. Touristen bejubeln sie – und erfüllen ihren despotischen Bauherren damit genau das, was diese am meisten ersehnten: unsterblich zu sein. Ein Essay.

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Diese antiken Stücke wurden auf dem Meeresboden bei Caesarea gefunden.
Diese antiken Stücke wurden auf dem Meeresboden bei Caesarea gefunden.Foto: REUTERS

Zum Beispiel Caesarea, die antike Hafenstadt am Mittelmeer, deren Ruinen heute zu den touristischen Höhepunkten jeder Reise durch den Norden Israels zählen. Ab 22 vor Christus ließ Herodes, König über Judäa von Roms Gnaden, hier seine Prachtstadt bauen. Mit Amphitheater, Hippodrom, Augustus-Tempel. Weil letzterer auf einem Berg stehen sollte, sich rundum jedoch keiner befand, nicht mal eine Anhöhe, befahl Herodes eine künstliche Aufschüttung. Dort kam dann der Tempel drauf.

Heute werden täglich Reisebusladungen über das Areal geführt, 50 Kilometer nördlich von Tel Aviv. Die Besucher kommen aus den USA, Russland, den EU-Staaten, viele sprechen Deutsch. Was alle eint, ist das Staunen.
In dem kurzen Einführungsfilm, der im Kinosaal des Besucherzentrums in Dauerschleife läuft, werden Herodes’ Mut und Ambitionen gelobt, etwas derart Prunkvolles zu erschaffen. Der König, heißt es, habe als Baumaterial nur das Beste vom Besten akzeptiert. Allein der Marmor: Von drei Kontinenten ließ er ihn bringen. Beim Rundgang über das Gelände wird weitergeschwärmt. Eine deutsche Reisegruppe bleibt vor einem Steinklumpen stehen und ist verzückt angesichts der kunstvollen Verzierungen. Diese hübschen Ornamente auf den Säulenresten!

Komplett irre, sagt eine Frau aus der Gruppe

Am meisten bewundert wird die Palastanlage, die Herodes sich selbst gönnte. Er setzte sie auf eine flache Landzunge, die rund 150 Meter ins Meer ragt. In den Fels ließ er eine gewaltige Kuhle schlagen. Die wurde dann zum Schwimmbecken ausgebaut. Das muss man sich mal vorstellen: ein Süßwasser-Swimmingpool, umgeben vom Meer. Im Grunde wie das Berliner Badeschiff in der Spree, nur wesentlich luxuriöser. Und eben zwei Jahrtausende früher. Architektonische Meisterleistung, sagt der deutschsprachige Guide. Komplett irre, sagt eine Frau aus seiner Gruppe.

Es ist ein Graus, den Touristen in Caesarea beim Bejubeln alter Trümmer zuzusehen. Sie glauben, sie blicken auf Zeugnisse großer Zivilisiertheit. Wenn überhaupt, sind es Zeugnisse großer Barbarei.
Herodes war kein netter Mensch. Das eigene Volk hasste ihn, weil er von den römischen Besatzern eingesetzt und ihnen hörig war. Er galt als machtgierig, brutal, jähzornig. Als einer, der alles wegmeucheln ließ, was ihm im Weg stand. Möchte man irgendetwas Positives über ihn sagen, dann vielleicht am ehesten das, was der Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtete: dass Herodes zu allen Menschen, egal welcher Herkunft, gleichermaßen grausam war. Aus Paranoia ließ er seine erste Frau, drei Söhne und den Schwager hinrichten. (Dass er in Bethlehem einen Kindermord befahl, wird aber nur im Matthäusevangelium behauptet.) In Caesarea materialisierten sich Herodes’ Größenwahn, seine Protzsucht und die Bereitschaft, sein Volk auszuquetschen, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Das steht aber in keinem Reiseführer, und den Guides vor Ort ist es auch kein Anliegen. Lieber lenken sie die Aufmerksamkeit ihrer Gäste auf den kuriosen Swimmingpool mit Rundum-Meerblick.

Wie wir unseren Urlaub am sinnvollsten verbringen, darüber gibt es konkurrierende, manchmal schwer zu vereinbarende Ansätze. Menschen, die zur Ferienzeit ins Ausland wollen, unterteilen sich grob gesagt in zwei Kategorien: diejenigen, die sich bevorzugt am Strand erholen, sonnenbaden, schnorcheln, maximal ein Buch lesen. Und diejenigen, die ihre Reise nutzen möchten, sich weiterzubilden, fremde Kulturen und deren Geschichte kennenzulernen. Letztere blicken gern etwas überheblich auf die Strandurlauber herab. Weil die ja ihren Geist nicht fordern, sondern bloß faul herumhängen! Der Bildungsurlauber hat ein Faible für alte Ausgrabungsstätten. Ganz besonders ziehen ihn Mauerreste aus der Antike an. Der Palast von Knossós auf Kreta, Xanthos und Pergamon in der Türkei, Gerasa in Jordanien. Dort lässt es sich wunderbar zwischen zerbröckelten Steinreihen entlanglaufen. Die Frage ist: Lernt man dabei etwas – und wird man klüger nach Hause zurückkehren als der Am- Strand-Gebliebene?

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