Kultur : Deutsche Auszeichnungen bereichern ihre Stifter oft mehr als die nominierten Autoren

Herbert Wiesner

In den letzten Tagen des vergangenen Jahres konnte man einer Agenturmeldung die Nachricht entnehmen, die Konrad Adenauer-Stiftung habe nach dem Münsteraner Autor Burkhard Spinnen nun den amerikanischen Romancier Louis Begley mit einem Literaturpreis geehrt; die Preissumme betrage 25 000 Mark. Es handelte sich um eine gezielte, freilich ohne böse Absicht lancierte Falschmeldung. Mit der Vergabe dieses Preises hat allenfalls die Konrad Adenauer-Stiftung sich selbst geehrt.

Der 1933 in Polen geborene Louis Begley ist heute ein weltweit bekannter, hoch angesehener, mit internationalen Preisen gefeierter Schriftsteller und Seniorpartner einer erfolgreichen New Yorker Anwaltssozietät. Seine Bücher erscheinen im Original bei Alfred A. Knopf, die deutschen Ausgaben im Suhrkamp Verlag. Aus dem Roman "Schmidt" kann man eine vage Vorstellung darüber gewinnen, dass 25 000 Mark im Leben des nicht erst seit gestern wohlhabenden Bewohners der amerikanischen Ostküste ein hübsches Trinkgeld sind, mehr aber auch nicht.

Hans Magnus Enzensberger, der gewiss in bescheideneren Verhältnissen als Louis Begley lebt, hat mit seiner Einschätzung wohl recht, die meisten deutschen Literaturpreise reichten gerade mal für die Bezahlung einer größeren Ferienreise, es sei denn, man rechnete auf, dass 25 000 Mark unter der Voraussetzung einer bescheidenen Miete knapp 10 Monate für die Arbeit am nächsten Buch ermöglichen. Das wäre dann ein Förderpreis, nicht jedoch eine angemessene Ehrung für ein schriftstellerisches Lebenswerk.

Günter Grass ist, wenn auch verspätet, auf angemessene Weise mit dem schwedischen Nobelpreis für Literatur geehrt worden. Die Angemessenheit drückt sich auch in der Höhe der Preissumme aus. Dass Günter Grass diesen Betrag für andere stiftet, ist seine Sache, niemand hätte es ihm verübeln sollen, wenn er es nicht getan hätte. Andererseits bedarf ein erfolgreicher Schriftsteller dieses Alters in der Tat keiner privaten Förderung.

Um Ehre und Angemessenheit wäre es auch im Falle Louis Begleys gegangen. Beides wird aber in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern (wie Spanien oder Irland ) weder erfüllt noch angestrebt. Der hochrangige, trotz einiger Fehlvergaben noch immer einem Adelsprädikat gleichkommende Büchner-Preis erreicht mit 60 000 Mark nicht einmal das halbe Jahresgehalt eines gehobenen Kulturbürokraten. Nahezu alle anderen Literaturpreise liegen unterhalb dieser Summe. Eine beachtliche Ausnahme bildet der Joseph Breitbach-Preis, doch die Jury hat auch bei der zweiten Preisvergabe geglaubt, keinen Schriftsteller finden zu können, dessen Ehrung mehr als 200 000 Mark wert sein dürfe. So teilt die Jury den Preis beharrlich durch drei und schadet ihm damit.

Wer merkt sich schon den Namen eines Drittelpreisträgers, und wer weiß überhaupt noch, dass der schwerreich gewordene deutsch-französische Namenspatron dieses Preises der Autor des großartigen Buches "Bericht über Bruno" (1962) ist und seine Komödie "La Jubilaire" 1933 ausgerechnet unter dem Titel "Mademoiselle Schmidt" uraufgeführt wurde. Joseph Breitbach, dessen Erbe in eine Stiftung umgewandelt wurde, hätte vermutlich wenig Sinn für den Kleinmut der Juroren gehabt.

In der deutschen Hauptsstadt Berlin, wo man lieber schwergewichtige Medaillen als hochdotierte Preise für Literatur vergibt, plant zur Zeit Ulrich Schreiber, jährlich im Rahmen eines Internationalen Literaturfestivals einen Preis von 120 000 Mark zu vergeben. Das ist weniger als die Hälfte des Breitbach-Preises. Da es sich um einen internationalen Literatur-Preis handeln soll, hält sich die Preissumme durchaus im Bereich des Üblichen. Dennoch ist schon jetzt die Aufregung groß. Ein Preis dieser Kategorie bringe das gesamte Gefüge deutscher Literaturpreise in Unordnung. In Wahrheit ist aber die Struktur deutscher Literaturehrungen längst schamlos, unehrenhaft und bar jeder Ehrerbietung.

Man hat schon von Kommunen gehört, die sich die Lesung berühmt gewordener Schriftsteller nicht mehr leisten können und sich deshalb den Besuch des Autors durch Vergabe eines kleinen Preises ertrotzen. Die Steuergesetzgebung arbeitet solchen Manipulationen zu. Wer jedoch eine Schriftstellerin, einen Schriftsteller deutscher oder ausländischer Provenienz wirklich ehren will, sollte bedenken, daß es mit einem Trostpreis, einem Weindeputat oder dem Gegenwert einer auf mehrere Monate angemieteten möblierten Wohnung nicht getan ist. Wer ehren will muß bereit sein, mehr zu entbehren als ein Deutschlehrer am Gymnasium pro anno verdient.Der Autor leitet das Berliner Literaturhaus in der Fasanenstraße.

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