Deutsche Gugenheim : 16 US-Fotorealisten ausgestellt

Die Maler des amerikanischen Fotorealismus feiern ein Comeback in der Deutschen Guggenheim. Mit über 30 Gemälden von 16 US-Fotorealisten bietet die Schau "Picturin America" auch die Möglichkeit zur Revision von Vorurteilen.

Jens Hinrichsen

Sommer 1979, morgens am Guggenheim Museum. Kein Mensch lässt sich auf der Kreuzung 5th Avenue und 88th Street blicken. Doch jeder Lichtreflex auf den parkenden Autos, jeder Pfützenrest, jeder Riss auf dem Asphalt ist vom Maler notiert. Keine Delle auf dem berühmten Schneckenzylinder des Frank Lloyd Wright’schen Museums wird ausgelassen. Es ist ein kalter, präziser Blick, mit dem Richard Estes auf die New Yorker Straßenecke schaut: der Maschinenblick seiner Kamera.

Estes zählt zu den bedeutenden Fotorealisten der USA, jenen Virtuosen, die das Übertragen fotografischer Vorlagen in die Malerei ostentativ betrieben haben. Vor der Blütezeit des Fotorealismus war es Malern eher peinlich, Fotos als Hilfsmittel zu benutzen. Nicht so Estes mit seinen Straßenszenen, Tom Blackwell bei seinen Schaufensterpanoramen, Ralph Goings mit Außen- und Innenansichten von Schnellrestaurants oder Charles Bell, der von Kaugummiautomaten besessen war. Fastfood, Silbersandaletten, Familienaufstellung am Chevrolet: Die Ausstellung „Picturing America“ lädt zur Zeitreise in die Siebziger, auf Großleinwand und in Farbe.

Die Deutsche Guggenheim in Berlin trumpft nun mit über 30 Gemälden von 16 US-Fotorealisten auf, aus der Zeit von 1967 bis 1982. Daneben sind zehn Lithografien einer Mappe ausgestellt, die 1972 für die Documenta 5 produziert wurde. Mit dieser Reminiszenz an die erste umfassende Auseinandersetzung mit dem Phänomen Fotorealismus auf internationaler Ebene stellt sich auch die Frage, warum es bald still wurde um diesen Trend. Auf dem Kunstmarkt umschwärmt, wurde der Stil von vielen Kritikern schnell als rückständig, ausdruckslos und affirmativ abgetan.

Es gibt Ausnahmen, Künstlerpersönlichkeiten, deren Rang über den kurzen Hype hinaus unangetastet blieb. In Berlin sind drei faszinierende Porträts von Chuck Close zu sehen. Ungewöhnlich und konservatorisch heikel ist die Aquarelltechnik, die Close bei „Leslie“ (1973) anwandte. Fältchen, Härchen, feinste Lippensprünge – der Riesin auf dem fast zwei Meter hohen Bild in die blauen Augen zu schauen, ist eine irritierende Erfahrung. Kein Wunder, dass auch von „Hyperrealismus“ die Rede war.

Die Schau „Picturing America“ – sie ist erstaunlicherweise die erste nennenswerte zum Thema in Deutschland nach 30 Jahren – bietet die Möglichkeit zur Revision von Vorurteilen. Speisen sich viele Klischees über den Fotorealismus doch aus der Tatsache, dass man die Arbeiten meist nur aus Reproduktionen kennt. Man muss die Originale sehen, um zu begreifen, dass wirklich Gemälde und nicht Fotos an den Wänden hängen.

Die Vielfalt individueller Techniken und Ansätze ist groß. So enthüllt die Nahsicht auf Malcolm Morleys GolfplatzSzene von 1968 eine spröde Pinselschrift, die an Gustave Courbet erinnert. Audrey Flack, die einzige wichtige weibliche Vertreterin der Strömung, lässt ihre unscharfen Stillleben dagegen mit bewusst jahrmarktsbudenhafter Airbrushtechnik extrem künstlich wirken.

Ben Schonzeit hat den Umgang mit Malschablonen und Spritzpistolen so lupenrein perfektioniert, dass man seine unter Zellophan schwitzenden Blumenkohlköpfe für rein fotografische Erzeugnisse hält. Doch gerade dieser Kontrast zwischen glatt-geschlossener Maloberfläche und bildimmanenter Schimmelgefahr macht „Blumenkohl“ (1975) zur Metapher westlichen Frischhaltewahns.

Monströs, neben vielen weiteren Autobildern in der Ausstellung, wirkt ein acrylgemalter Lastwagen von Ron Kleemann. Das Werk „Big Foot Cross“ (1977/78) gerät zum Gewaltporno aus chromblitzenden Auspuffstutzen und blutroter Hochglanzlackierung. Ein Truck als Feldherr der Landstraße. Ein Bild, das viel über Amerika nach dem Vietnam-Schock erzählt. Pötzlich scheint die oft eingeklagte subjektive Haltung des Künstlers gar nicht mehr so entscheidend.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13 / 15, bis 10. Mai, Mo – So 10 – 20 Uhr. Katalog 28 €.

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