Kultur : Deutsche Oper Berlin: Der erfüllte Jugendtraum

Sybill Mahlke

Der schöpferische Intendant, der sich während seiner Amtszeiten als Künstler zurücknimmt, ein rarer Typ fürwahr! Es fällt schwer, über den inspirativen Manager Peter Ruzicka zu schweigen, der in Berlin, Hamburg und München kulturpolitische Zeichen gesetzt hat und der Leitung der Salzburger Festspiele zustrebt, wenn von einem Orchesterkonzert unter seiner Leitung die Rede sein soll. Denn die Musik, die er macht, hat mit sensiblem Hören und mit Verstand zu tun. Sie kommt als Echo seiner hegenden Arbeit in den Chefbüros zurück. Unterstützte er als Intendant des RSO Berlin die Begegnung mit dem Schweden Allan Pettersson, so ist dem eigenen Komponieren Ruzickas hieraus die Fähigkeit neuen Singens erwachsen. Es bedeutete Überwindung einer Krise. Noch das vierte Streichquartett (1996) "... sich verlierend" reflektiert eine solche Situation, indem es die Depression des Chandosbriefes von Hugo von Hofmannsthal thematisiert: "... völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen". Viel Autobiographisches ist in Ruzickas Werk. Ihm verquicken sich die Namen Mahler, Webern, Celan, Henze.

Mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin führt er nun die zu ihrer Zeit (1958) durch die führende Avantgarde verhöhnten "Nachtstücke und Arien" von Hans Werner Henze wieder ein, die damals im Repertoire so erfolgreich wurden, dass ein Karl Böhm sie dirigiert hat. Das fünfteilige Stück - Henze voll von Gesang und Schönheit - beginnt mit dem (glänzend geblasenen) romantischen Hornruf und schließt als "Aria II" Ingeborg Bachmanns Gedicht "Freies Geleit" ein, ein Pamphlet gegen nukleare Waffen, das die Erde besingt, "den König Fisch, die Hoheit Nachtigall". Eine einsame Lyrik, die auf kritische Wiederentdeckung wartet.Michaela Kaune singt die Worte wie das Wunderhorn-Finale der vierten Symphonie Mahlers mit ihrem unschuldigen Sopran.

Dieses Werk gibt nachdrücklich Gelegenheit, den Dirigenten Ruzicka kennen zu lernen. Das Ritardando nach den putzigen Achteln der Flöten und Schellen weist darauf hin, dass ein Jugendtraum sich erfüllt. Wo Schliff noch fehlt, wird Absicht um so dominanter. Ein Sechzehntellauf der Kontrabässe gewinnt Bedeutung für den Einlass der Reprise. Fein Ziseliertes auch im Scherzo mit der um einen Ganzton höher gestimmten Solovioline (Detlev Grevesmühl), der "Totenfiedel", bei Ruzicka eher abseits von Gespensterhaftigkeit. Dann kommt der Höhepunkt, "ruhevoll" heben die tiefen Streicher an, und wenn die Oboe zart und empfindsam hinzutritt, ereignet sich eine Interpretation des dritten Satzes, die das Auskomponierte neu und demütig zu entwickeln scheint. Da bleibt dem subito pp in der menuettartigen Streicherphase das Geheimnis, dem der dirigierende Komponist sich unterwirft. Im Konzerthaus ist zu spüren, dass diese Spannung kein Publikum verfehlt. Ganz auf der Linie des gerade in Donaueschingen 2000 erfolgreichen Komponierens von Ruzicka liegt sein Stück "Satyagraha - Annäherung und Entfernung für Orchester" (1984). Die Musiker der Deutschen Oper sind hierbei wie an dem ganzen Abend so engagiert, dass Unebenheiten verzeihlich bleiben. Der "Canto", den Geigen und Bratschen chorisch zu verteidigen haben, verlangt nämlich eine hohe Schule der Bogenführung.

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