Deutsche Oper : Damenwahl

Und dann muss man unwillkürlich doch an Anne Will denken: Da steht eine attraktive dunkelhaarige Frau und singt von Leidenschaft, und die nicht minder fotogene Blonde neben ihr stimmt ein: Amore, amore! Rossinis "Donna del lago" an der Deutschen Oper.

Frederik Hanssen

Gioacchino Rossinis „La donna del lago“ an der Deutschen Oper macht dieses Duett möglich, das so sehr an die Bilder vom Outing der ARD-Fernsehmoderatorin erinnert.

Natürlich wusste man im Neapel des Jahres 1819, als Rossinis Musiktheaterfassung des damals äußerst beliebten Walter-Scott-Romans „The Lady of the Lake“ uraufgeführt wurde, nichts von eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Liebesszenen zwischen zwei Frauen auf der Bühne überraschten dennoch die Zuschauer keineswegs, denn gerade Rossini setzte in seinen ernsten Opern die Mezzosopranistinnen gerne in sogenannten Hosenrollen ein: Wenn also die schöne Schottin Elena, die im Libretto gleich von drei Männern geliebt wird, schließlich Malcom Groeme erhört, den mutigen Krieger mit der weiblichen Stimme, dann kommt es in einer konzertanten Aufführung des Werkes ganz offen zur Damenwahl – schließlich kann die Sängerin hier nicht durch Kostüm und Maske das Geschlecht wechseln, sondern bringt ebenso wie ihre Solistenkollegen eigene Konzertkleidung mit. Hadar Halévy alias Malcom trägt in diesem Fall übrigens nicht bei der Tochter des Douglas d’Angus den Sieg davon, sondern wird auch vom Publikum für ihren samtig schimmernden, mit traumhafter Sicherheit geführten Mezzosopran stürmisch gefeiert.

Dass die Deutsche Oper diese Belcanto-Rarität unter dem Rubrum „Premiere“ verkauft, ist angesichts von nur drei Aufführungen eine Mogelei für die Statistik im hauptstädtischen Musiktheaterwettstreit. Wenn aber Alberto Zedda aufs Pult steigt, der größte lebende Rossini-Interpret, der bald 80 Jahre alt wird und darum künftig keine Neuproduktionen mehr an der Bismarckstraße betreuen will, dann macht allein dies den Abend zum Ereignis.

Zedda dirigiert mit einer rhythmischen Lockerheit, die noch der konventionellsten Begleitfloskel Bedeutung verleiht, entdeckt tausend raffinierte Instrumentationsdetails – und das Orchester der Deutschen Oper wächst über sich hinaus, musiziert auf Augenhöhe mit den Weltklassesolisten: mit der so faszinierend nuancenreich gestaltenden Ruxandra Donose, dem metrosexuellen Wundertenor Antonino Siragusa, der sein kastratenhaft helles Organ mit so viel lässiger Macho- Aura kombiniert, wie es sonst nur Toreros in Kniebundhosen vermögen, und mit dem hemmungslosen Gregory Kunde, der Spitzentöne herausknallt, als gelte es, ganze Armeen in die Flucht zu schlagen. Andion Fernandes, Yoseph Kang und Reinhard Hagen schließlich stehen ebenso für das ungebrochen hohe Potenzial des Hauses ein wie der von Hellwart Matthiesen präparierte Chor. Mehr davon? Ja, ich Will! Frederik Hanssen

Noch einmal am 12. Dezember.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben