Kultur : Deutsche Schulen: "Die Quittung für unser veraltetes Bildungssystem"

War der Test so schwer[oder warum ist das Ergebni]

Eva-Maria Stange (44) ist seit 1997 Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

War der Test so schwer, oder warum ist das Ergebnis so frustrierend für Deutschland?

Nein, zu schwer war er bestimmt nicht, schließlich wurde ja ein Mittelwert des Leistungsniveaus der Schüler gebildet. Aber nach der Tims-Studie zu mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten, wo Deutschland ebenso schlecht war, haben wir schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Das ist die Quittung für unser längst veraltetes Bildungssystem.

Was ist denn schief gelaufen bei uns?

Man muss sich die Studie genau angucken. Dann wird man feststellen, dass zum Beispiel Länder wie Finnland an der Spitze stehen. Dort wird großer Wert auf die frühkindliche Förderung gelegt, bei uns wird sie dagegen vernachlässigt. Die Deutschen denken, sie kommen mit Halbtagsunterricht aus. In vielen Kitas in Westdeutschland können sie Kinder zwischen drei und sechs Jahren nur halbtags betreuen lassen. In anderen EU-Ländern werden sie vom ersten Lebensjahr an ganztägig betreut. Und zwar mit einem klaren Bildungsauftrag.

Und bei den Schulen?

Da haben wir das gleiche Problem. Kinder werden zu wenig gefördert, gerade aus sozial schwachen Familien oder Migrantenfamilien. Viele EU-Länder haben Ganztagsschulen, wo die Unterrichtsbelastung auf den ganzen Tag verteilt ist und man mehr Zeit hat, sich um Einzelne zu kümmern.

Ist das in Deutschland durchsetzbar?

Mittlerweile ja. Es gibt einen Konsens, auch aus arbeitsmarktpolitischen Gründen, dass wir mehr Ganztagseinrichtungen brauchen. Wir brauchen ja qualifiziertes Personal, auch qualifizierte Frauen. Wir müssen früh damit beginnen, die Grundlagen zu legen. Zum Nulltarif geht das natürlich nicht.

Droht dann aber nicht die Gefahr, dass die Familie noch mehr zerrissen wird?

Niemand soll doch glauben, dass beispielsweise die Menschen in Skandinavien ihre Kinder weniger lieben würden. Dort ist man nur realistischer. Familie kann das nicht mehr allein leisten. Die Förderung der Kinder muss auch woanders stattfinden, gerade in einer Gesellschaft, wo beide Elternteile arbeiten.

Und die Lehrer an den Schulen, was müssen sie besser machen?

Jeder muss sich jetzt den Spiegel vorhalten lassen. Auch die Lehrer. Aber ich warne davor, die Ergebnisse nur auf ein Praxisproblem zu reduzieren. Das wäre ungerecht. Natürlich brauchen wir aber auch in den Schulen Veränderung, eine andere Methodik des Lernens. Unser System hindert uns da. Lehrer müssen ständig selektieren: Wer darf auf welche Schule. Da bleibt kaum Zeit, um individuell zu fördern.

Brauchen wir nicht mehr Wettbewerb zwischen den Schulen und zwischen Lehrern?

Nein. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Wettbewerb nicht weiter hilft. Wir müssen fördern, das hat nichts mit Wettbewerb zu tun. Wir brauchen Unterstützung von Schulen, gerade von Hauptschulen, keinen Wettbewerb. Der hilft nur den Schulen, die einen geringen Ausländeranteil haben und Schüler aus gut betuchten Elternhäusern.

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