Kultur : Deutsche Schulen: Wir müssen nachsitzen

Bärbel Schubert

Mit diesen katastrophalen Ergebnissen hatten selbst Schulkritiker in Deutschland nicht gerechnet. Seit Monaten kursieren in Fachkreisen zwar Vermutungen und Spekulationen, was die weltgrößte internationale Schulleistungsuntersuchung Pisa (Programme for International Student Assessment) bringen würde - durch das schlechte Abschneiden bei der Vorgängeruntersuchung zur Mathematik waren Politiker und Schulvertreter vorgewarnt: Was nun aber vorliegt, übertrifft jede Spekulation.

In allen Bereichen - Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften - liegen die Leistungen der deutschen Schüler unter dem Durchschnitt. Im Lesen landeten sie sogar im unteren Drittel, zusammen mit Russland, Rumänien und Brasilien, wie das Magazin "Spiegel" vorab berichtete. Spitzenplätze erreichten Finnland, Kanada, Neuseeland und Australien. Am Dienstag soll die Studie in Berlin offiziell vorgestellt werden.

Besonders alarmierend ist, dass mehr als jeder fünfte Schüler in Deutschland Texte nicht sicher lesen und verstehen kann. Dabei wurden nicht etwa Grundschüler, sondern 15-jährige Jugendliche untersucht und getestet. Sie mussten unter anderem Fahrpläne lesen oder Beipackzettel von Medikamenten verstehen. Wer dies nicht schafft, lautet ein Rückschluss aus der Studie, dem fehlen wichtige Grundlagen, um sich in einer modernen Gesellschaft zu orientieren. Schon in der Schule können diese Kinder ohne ausreichende Lesefähigkeiten auch in anderen Sachfächern wie Biologie oder Chemie den Stoff nicht effektiv erlernen - fürchten die Fachleute. Schlimmer noch: Ihre Aussichten auf eine Ausbildungsstelle sind angesichts steigender Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt gering.

Neue Lehrmethoden sind gefragt

Viele dieser Jugendlichen sind männlich und stammen aus wenig gebildeten Familien. Besonders schwer haben es offensichtlich Kinder aus Zuwandererfamilien. Jahrelange Versäumnisse bei der Sprachförderung an den Schulen gerade für Migrantenkinder wirken sich bei der Untersuchung der Lesefähigkeiten natürlich besonders gravierend aus. In kaum einem anderen Land ist der Anteil leseschwacher Schüler so groß wie in Deutschland. Schulforscher mahnen allerdings schon seit Jahren, dass für mehrsprachige Kinder geeignete Lehrmethoden entwickelt werden müssen. Das typische Einwanderungsland Australien erzielt erheblich bessere Ergebnisse bei der Sprachförderung ebenso die skandinavischen Staaten. Auch die Schweiz als mehrsprachiges Land schneidet besser ab. Doch nicht allein die Sprachförderung ist ein Problem. Generell hängt der Schulerfolg in Deutschland noch viel stärker von der sozialen Herkunft ab als in anderen Staaten. Fast die Hälfte der Jugendlichen aus sozial schwachen, aber deutschsprachigen Familien erreicht nicht das Mindestniveau des Lernstoffes. Dies alles sind Hinweise auf fehlende Förderung in der Schule.

Warten auf die Feinauswertung

Die Wissensunterschiede zwischen den Kindern sind auch in anderen Staaten bei der Einschulung bereits sehr groß. In Ländern wie Japan aber schafft die Schule es, dass ein breites Mittelfeld von Schulleistungen entsteht. Das hatte bereits die Vorgängeruntersuchung Timss (Third Mathematik and Science Study) gezeigt. Diese Förderung geht offensichtlich auch nicht zu Lasten der guten Schüler; denn dort erreichen zugleich erheblich mehr Schüler die Leistungsspitze.

Mehr Aufschluss über die Ursachen der schlechten deutschen Ergebnisse werden von der Feinauswertung der Daten 2002 erhofft. Im ersten Durchgang wurden zunächst die Testdaten von 5000 deutschen Schülern berücksichtigt bei 180 000 in 32 Staaten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit). Dem zweiten Teil liegen die Daten von 55 000 Schülern in Deutschland zu Grunde.

Die Frage nach Konsequenzen stellt sich gleichwohl. "Wir müssen unsere Kinder früher und besser fördern", meint Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) mit Blick auf die Beratungen von Bund und Ländern. Denn diese hatten schon vorgearbeitet und empfohlen, künftig die Kindergärten in Deutschland auszubauen und die pädagogischen Standards zu heben.

Damit würde die Bundesrepublik an das anschließen, was in Nachbarstaaten längst üblich ist - und auch für die Mütter Beruf und Familie leichter vereinbar macht. Je früher, desto wirkungsvoller - gilt für die Förderung. Darin sind sich alle Experten einig. "Auslese ist der falsche Weg", mahnt Bulmahn. "Wir müssen auf allen Ebenen mehr Geld in die Bildung investieren." Der Bund habe seine Bildungsaufwendungen in den letzten drei Jahren schon um rund 20 Prozent angehoben. Andere müssten jetzt nachziehen. Die Kindergartengebühren sollen auf Rat des "Forums Bildung" hin überprüft werden. Würden sie wegfallen, hätte dies aus Sicht der Fachleute gleich zwei Vorteile: Mehr Eltern könnten sich die Kita leisten. Und, im besten Fall, würden mehr Kinder gefördert, die diese Zuwendung zu Hause nicht bekommen können.

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