Deutscher Buchpreis : Knietief in der Krise

Stephan Thomes zweiter Roman „Fliehkräfte“ steht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und glänzt durch virtuose Gefälligkeit

Thomas Wild

Hartmut Hainbach befindet sich an einem Wendepunkt. Der Endfünfziger lehrt Philosphie in Bonn, seine Frau spielt Theater in Berlin. Frustriert von den Bologna-Reformen an seiner Universität, erwägt er, in einem Hauptstadtverlag als Programmchef einzusteigen. Vielleicht kann er so seiner Passion für intellektuelle Arbeit wieder nahekommen und zugleich seiner Frau. Hainbach sucht also nach jenen Kräften, die entstehen, wenn man einen Körper nicht in einem festen Koordinatensystem betrachtet, sondern einem beschleunigten Bezugssystem aussetzt. Kurz: Es geht um „Fliehkräfte“. So lautet auch der Titel von Stephan Thomes zweitem Roman.

Schon der Titel des Debüts „Grenzgang“ (2009) – wie das aktuelle Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis – bündelte die Handlung. Dort gingen die Bewohner eines Dorfes in festlichem Ritual die Ortsgrenzen ab, eine Rahmenhandlung, zu der Gratwanderungen der Hauptfiguren zwischen Leben und Sterben, Liebe und Apathie kamen. Nun ein Stück Bewegungslehre, deren Affinität zur Kunst bereits darin aufscheint, dass „Fliehkräfte“ zu den sogenannten Trägheits- oder Scheinkräften gehören.

Dem Trägheitsmoment seines Lebens setzt Hainbach einen Road Trip entgegen. Er bricht von Bonn mit dem Auto nach Paris auf, um dort Sandrine wiederzusehen, seine erste große Liebe. Auf dem Weg versucht er sich an dieser oder jener Affäre, mal mit einer Kollegin, mal mit einer Tramperin, hier real und da imaginiert. In der Provence besucht er einen ehemaligen Kollegen, der seine Juniorprofessor hinschmiss, weil er sich von den institutionellen Zwängen der Uni nicht verbiegen lassen wollte. Hainbachs Tochter Philippa, die in Santiago studiert, offenbart ihm, sie sei lesbisch, was den aufgeklärten Vater unerwartet schockiert.

Die Frauenfiguren dieses Romans hängen an lauwarmen Lust- oder Angstfantasien. Hat Hainbach seine Ehefrau Maria an der Strippe, verschweigt er ihr die längste Zeit, dass er heimlich im Ausland ist. So aufregend geht es zu mit diesem Professor, der unentschieden ist, ob er das knappe Kostüm der Kollegin oder ihr juristisches Wissen um Pensionsansprüche anziehender finden soll.

Heftig verweist der Roman sogleich mit Max Frischs Erzählung „Montauk“ und Ingmar Bergmans Film „Wilde Erdbeeren“ auf zwei moderne Liebesklassiker. Mehr noch liefert das Buch einen Bildungsroman, in dessen Verlauf der Lebensweg des Protagonisten allerdings nicht geebnet, sondern buchstäblich unterspült wird. Etwa in der Mitte entscheidet sich Hainbach für einen erfrischenden Sprung ins Wasser. Auf dem Rücken liegend, blickt er auf die südfranzösische Küste und fühlt sich dem Gang der Wellen „auf angenehme Weise ausgeliefert“. Plötzlich zieht ihn die Strömung nach draußen. „Panik“ überfällt ihn. Er kann das Ufer nicht mehr erreichen. Doch schon im nächsten Absatz ist alles wieder gut, und Hartmut watet „durch die knietiefe Brandung zurück an Land“.

Eine Szene, die zugleich ein Bild für die Schreibweise des Romans bietet. Thomes Figuren stehen nicht mit Haut und Haaren, sondern bestenfalls „knietief“ im Leben. Steuern sie auf Probleme zu, achtet die Erzählung peinlich genau darauf, für die Leser alle Konflikte „auf angenehme Weise“ zu lösen. Thome ist ein Meister der gefälligen Darstellung.

Was nicht heißt, dass die Handlung immer schlüssig ist. Am Ende bleiben viele Episoden, die voller Bedeutsamkeit eingeführt wurden, blass. Der Doktorvater aus den USA etwa, für den Hainbach im Eröffnungskapitel nach den Spuren dessen 1944 in Deutschland verschwundenen Bruders zu recherchieren beginnt, stirbt einfach und mit ihm der Erzählstrang. Das ist vielleicht so im Leben – aber nicht im Leben eines guten Romans.

Dass Thome rasante Dialoge schreiben kann, sah man bereits in „Grenzgang“. Zum Handwerk dieses Autors gehören auch gekonnte Rückblenden. So setzt „Fliehkräfte“, ganz entgegen der Dynamik seines Titels, Stück für Stück chronologisch zusammen, wie Hainbach wurde, wer er heute ist. Oft berühren diese Szenen Ausläufer historischer Jahreszahlen wie 1968, 1977, 1989.

Schicksalhaft werden diese Daten für Thomes Personal jedoch nicht aus politischen Gründen. Sind wir mittlerweile derart in unsere privaten Geschichten verstrickt, dass 1989 möglicherweise als das Jahr erinnert wird, an dem unsere zweite Liebe ging und wir die dritte kennenlernten?

Stephan Thome versteht sich auch auf plastische Details: „Im nächsten Moment erschien am oberen Bildrand die Meldung ,Philippa ist online’. Seit Neuestem informierte ihn der Computer, wenn einer seiner beiden Skype-Kontakte erreichbar war.“ Ein genauer Blick, doch ohne tiefere Einblicke. Thomes Sprache folgt Konventionen, ohne Perspektiven zu öffnen. Sie transportiert vieles und transformiert davon nur weniges. Thomas Wild

Stephan Thome: Fliehkräfte. Roman. Suhrkamp Verlag,

Berlin 2012.

474 Seiten, 23 €.

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