Deutscher Filmpreis : Im falschen Film

Kinomacher und Kritiker debattieren in Berlin.

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Lola-Verleihung 2012. Im Anschluss protestierten Filmkritiker das öde „Konsenskino“ der Deutschen Filmpreise.
Lola-Verleihung 2012. Im Anschluss protestierten Filmkritiker das öde „Konsenskino“ der Deutschen Filmpreise.Foto: p-a/dpa

Wenn es im Leben eines langjährigen Paars „Wir müssen reden“ heißt, ist die Trennung meist nicht fern. Einer der Partner sucht Klarheit. Und er weiß, worüber er reden will.

Am Freitagabend im Fluxbau an der Spree, wo sich Filmemacher und Filmkritiker unter eben jenem Motto versammelten, wurde zumindest klar, worüber ein Partner nicht reden will: den tags zuvor in einigen Zeitungen veröffentlichten Offenen Brief von 20 Filmkritikern an die Deutsche Filmakademie. Was sich insofern ellbogenstark durchsetzen ließ, als der Moderator – in Gestalt des Filmakademie-Geschäftsführers Alfred Holighaus – nicht Mediator war, sondern Partei.

Die Zurückhaltung ist zunächst verständlich. Viele Filmleute fühlen sich brüskiert, wenn ein vor Wochen vereinbarter Debattenabend, bei dem es um das insgesamt gespannte Verhältnis zwischen Kreativen und Kritik gehen soll, überraschend unter massiv veränderten Vorzeichen steht. Zumal die Filmakademie, deren 1400 Mitglieder den mit drei Millionen Staatsknete dotierten Deutschen Filmpreis vergeben, laut Aufruf bittschön grundsätzlich ihr Verfahren überdenken möge. Andererseits: Passt jener Brief nicht perfekt und aktuell zu jener gestörten Beziehung, die eigentlich erörtert werden soll?

Also redet man, weil man nun mal reden muss auf einem Podium, und man tut es durchaus unterhaltsam. Ein bisschen aber fühlen sich an diesem lauen Abend wohl alle wie im falschen Film. Regisseur Marc Rothemund geißelt eher allgemein „Hohn und Häme“ der Filmkritiker, Til Schweiger temperamentvoll deren Nachsicht gegenüber dem US-Kino, Produzent Sven Burgemeister gelassen deren Härte gegenüber dem deutschen Film, und X-Verleih-Oberchefin Manuela Stehr wünscht sich freimütig, dass die Filmkritik „Seite an Seite mit uns marschiert“.

Und die Kritiker Cristina Nord („taz“), Andreas Kilb von der „FAZ“ sowie Peter Körte von deren Sonntagszeitung, die allesamt den Aufruf gegen das öde „Konsenskino“ der Deutschen Filmpreise mitunterzeichnet haben? Von pauschalen Vorwürfen distanzieren sie sich so routiniert wie von pauschalen Vereinnahmungen und plaudern über eigene Produzentennöte – als Kämpfer für Filmthemen in der Redaktion. Leidenschaft fürs Kino? Aber ja, befindet da bald das Konsenspodium. Beleidigungen, Schläge unter die Gürtellinie gar? Aber nein doch.

Das ist ein bisschen viel der Mimikry. Und der Bereitschaft, sowohl das Initialmotiv des Kritikerbriefs als auch den Gesprächsimpuls seitens der Filmleute fast zu überschweigen. Denn rund um den jüngsten Deutschen Filmpreis, der mit der Nichtnominierung von Nina Hoss begann und der Silber-Lola für Christian Petzolds „Barbara“ endete, war das Medienecho besonders schrill. „Borniertheit“ und wahlweise „kapitale Ignoranz“ und „idiotisches Kalkül“ bescheinigte die „FAS“ den Akademiemitgliedern. Und die „FAZ“ kam zu dem verblüffenden Befund, mit der immerhin noblen Ehrung für „Barbara“ habe die Akademie Christian Petzold sozusagen geächtet.

Reden müssen hätte man über derlei folgenschwere Missverständnisse. Einerseits macht eine Filmkritik sich lächerlich, die ihre Lieblingsregisseure mit aller Gewalt zur Glorie peitschen will. Die seit 2005 bestehende Filmakademie wiederum leidet bis heute an ihrem von Bernd Eichinger durchgesetzten Geburtsfehler: Mit der Vergabe der Staatsmillionen an drei Top-Produktionen des Jahres ist sie selber zum Förderapparat mit allerlei Abwägungsbrimborium geworden. Das ist nicht ihr Job, das tut sich, ob Oscars, Césars oder Goyas, keine Filmakademie der Welt an.

Dass dieses deutsche Alleinstellungsmerkmal „niemals infrage gestellt worden“ sei, wie die Filmakademie am Freitag forsch formulierte, ist – oberhalb der Gürtellinie formuliert – schlicht Unsinn. Noch Jahre nach der Gründung haben führende Medien die Malaisen des Verfahrens immer wieder benannt und für den Totalverzicht auf die Großgeldgießkanne plädiert. Womit wir beim eigentlichen Thema wären.

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