Kultur : Deutsches Kinder- und Jugendtheatertreffen: Weg mit der Sozialpädagogik

Jörg Königsdorf

Zwei Stühle auf leerer Bühne, von der Decke ein Kronleuchter-Fragment. Sonst nichts. Zwei seltsam altjüngferliche Gestalten in Strumpfsocken und abgewetzten Ballkleidern, später noch eine dritte, andere. Sonst niemand. Und eine Geschichte, die nur davon erzählen will, dass es manchmal eben einfach keine Lösung gibt. Und doch ist dieser "Besuch bei Katt und Fredda" des Freiburger Theaters im Marienbad ein kleines Wunder, das wie keine andere Inszenierung dieser sechsten Deutschen Kinder- und Jugendtheaterbiennale zeigte, wie unsinnig die Kategorisierung eines Theaterpublikums nach Altersgruppen sein kann.

Abschied von der Moralbotschaft

Die zehn mutmaßlich besten deutschen Produktionen hatte eine dreiköpfige Jury ausgesucht - was im Laufe der Woche an fünf Berliner Spielorten zu sehen war, kann mit einigem Recht als maßgeblich für die Sparte insgesamt betrachtet werden. Mit einem nur auf den ersten Blick paradoxen Endergebnis: Während an den großen Bühnen die Nachhutgefechte um die künstlerische Existenzberechtigung des Jugendkult-inspirierten Pop-Theaters toben, hat das Kindertheater nach zwanzig Jahren gespielter Sozialpädagogik und mit rotzfrechen Dialogen getarnter Moralbotschaften die Kunst entdeckt; mit Inszenierungen wie "Besuch bei Katt und Fredda", die sich die Verfremdungseffekte und die Ästhetik des absurden Theaters aneignen, die bei aller Schlichtheit der auch für Siebenjährige verständlichen Kindersprache doch zugleich mit Samtmesserklingen ein mehr erfühltes als ausgesprochenes Geflecht von Verletzlichkeiten und Hilflosigkeiten freilegen.

Freilich, mit der bewussten Verunklärung von Zeit und Raum, dem Verzicht auf die direkte Identifikation eines Kinderpublikums mit vorgeblich gleichaltrigen Schauspielern zu Gunsten einer poetischen, dezidiert kunstvollen Atmosphäre wagt sich Regisseur Dieter Kümmel im Kindertheater-Spektrum noch am weitesten vor.

Die Vitalität und Originalität, mit der in anderen Produktionen noch um Fragen wie "Muss Opa ins Heim?" oder "Ist es beim Fernsehen wirklich so toll?" gestritten wurde, deutet an, dass die Zukunft des Jugendtheaters vorerst von einem Nebeneinander geprägt sein wird. Freilich scheint der Abschied vom problemorientierten Theater nur noch eine Frage der Zeit. Eine "konventionelle" Produktion wie Anders Rambergs "Sag doch was" bestätigte das Auslaufen der "Epoche Grips" gerade durch seine Eindrücklichkeit: In aller Drastik zeigt die Inszenierung des Landestheaters Tübingen einen lallenden, halbseitig gelähmten alten Mann, der sabbert, sich einnässt und von seiner Enkelin splitternackt ausgezogen wird. Obwohl bewegend gespielt, scheint die Szene mit ihrer Schockwirkung mehr ein Indiz dafür zu sein, dass die letzten Tabu-Themen inzwischen erreicht sind - alle harmloseren Problemfelder vom richtigen Zähneputzen bis zur Scheidung der Eltern sind längst abgegrast.

Ohnehin scheint der Ausweg Kunst auch eine Folge des geänderten Erfahrungs- und Alltagshorizonts der jugendlichen Zuschauer: Der gesellschaftliche Wandel vom Probleme-unter-den-Tisch-Kehren der Post-Adenauer-Zeit, gegen die Kindertheatermacher einst rebellierten, zur Allgegenwärtigkeit zwischenmenschlicher Spannungen in Talkshows und Ereigniscontainern hat das herkömmliche Jugendtheater mit der gleichen Unbedingtheit überholt wie die Bilderflut der Nachrichten das politische Regietheater in Schauspiel und Musik.

Eine Thematisierung der Videowelt aus der Sicht dreier Teenie-Mädels, wie sie Erfolgsautor Lutz Hübner in "Creeps", dem Beitrag des Staatstheaters Hannover, vornimmt, ist da kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein versiegender Themen. Kennzeichnend, dass die im Kinder- und Jugendtheater besonders wichtigen Freien Gruppen die Zeichen der Zeit eher erkannt haben als die Jugendtheatermacher der staatlich alimentierten Bühnen: Neben dem privaten Theater im Marienbad kam auch der zweite stilistisch wagemutige Beitrag "Wer auf dem Kopf geht, hat den Himmel unter sich" von einer freien Gruppe, dem Theater Mini-art aus Bedburg-Hau an der niederländischen Grenze. Geradezu spröde lässt sich die von den beiden Schauspielern Christa Ohler und Sjef van der Linden selbst konzipierte Handlung mit ihren enigmatisch verzerrten, grotesken Dialogen an. Erst spät, wenn die beiden als Vater und Tochter wieder zueinander finden, merkt man, wie hier Stück für Stück Gefühlsblockaden aufgelöst wurden, dass die Sperrigkeit der Rede viel mehr von jahrzehntelang geleckten seelischen Wunden erzählt, als es ein rein realistisches Spiel je könnte.

Das Puppentheater vorneweg

Neu ist die Wiederentdeckung der Kunst nicht - gerade im Bereich des reinen Kindertheaters hatte sie sich immer ein Refugium bewahrt. Wie schon bei der letzten Biennale bleibt es auch diesmal dem Puppentheater überlassen, zu zeigen, dass Theater allein durch die Kraft einer poetischen Bildhaftigkeit in Bann ziehen kann: Im "Standhaften Zinnsoldaten" des Puppentheaters Meiningen braucht es nur einen Spieler, ein großes Zelt und ein wenig Licht und Schatten, um die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern für eine Stunde gegenstandslos zu machen. Nur wissen die Kinder noch nicht, dass die Möglichkeit zu staunen, auch im Theater etwas ganz Besonderes ist. Sagen Sie es ihnen bitte nicht.

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