Deutsches Symphonie-Orchester : Berlins jüngster Intendant

Alexander Steinbeis managt das Deutsche Symphonie-Orchester – als Berlins jüngster Intendant. Die Anfrage erreichte ihn im tiefsten Dschungel von Thailand.

Frederik Hanssen
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Im Aufgalopp. Alexander Steinbeis führt als Intendant das Deutsche Symphonie-Orchester am Zügel. Foto: Kai-Uwe Heinrich

September 2005, irgendwo in Thailand: Alexander Steinbeis ist mit dem Rucksack im Dschungel unterwegs. Sechs heftige Berufsjahre im Management-Team des Boston Symphony Orchestra liegen hinter ihm, jetzt hat er sich eine Entschleunigungsphase verordnet, will die Faszination fernöstlicher Kulturen entdecken und, wer weiß, dabei vielleicht sogar sich selber finden. Dennoch kann der 31-Jährige der Versuchung nicht widerstehen, seine Mails zu checken, als sich in einem Hostel überraschend die Möglichkeit dazu bietet. Und tatsächlich: Ingo Metzmacher hat ihm geschrieben, bittet um den Rückruf in einer dringenden Angelegenheit. Sobald sein Handy Empfang hat, wählt Steinbeis die Nummer des Dirigenten, erfährt, dass dieser den Chefposten beim Deutschen Symphonie-Orchester übernehmen wird und einen Konzertdramaturgen sucht. Steinbeis erbittet sich Bedenkzeit, stapft wieder in den Urwald. Doch das Angebot ist zu verlockend: Von Singapur aus sagt er zu.

„Ich wollte sowieso wieder in Europa arbeiten“, erzählt er rückblickend. „Der Job in den USA war spannend, keine Frage. Aber ich bemerkte, dass ich begann, flüssiger auf Englisch zu schreiben als auf Deutsch. Da wusste ich: Jetzt musst du zurück.“ Im Januar 2006 fliegt er zu einem Brainstorming-Wochenende nach Amsterdam, wo Metzmacher künstlerischer Leiter des Opernhauses ist, im Februar tritt er seine neue Stelle in Berlin an. Seine erste große Aufgabe ist die Organisation eines Open-Air-Konzerts auf der WM-Fanmeile: Unter dem bekennenden Fußballfan Metzmacher spielt das DSO im Jubeljuni vor Zehntausenden am Brandenburger Tor.

Bald aber kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen Metzmacher und dem DSO-Orchestermanager Andreas Richter. Richter wechselt zum Mahler Chamber Orchestra, Steinbeis übernimmt die vakante Leitungsposition. Für ihn ist es eine Interimslösung, als die Position ausgeschrieben wird, bewirbt er sich nicht. Als jedoch bis Mai 2007 kein passender Kandidat gefunden wird, drängen Chefdirigent und Orchestervorstand auf eine interne Lösung. Und so wird Alexander Steinbeis mit 32 Jahren Berlins jüngster Intendant.

Nun leidet der drahtige junge Mann mit den hellen, grüngrauen Augen nicht gerade unter Minderwertigkeitskomplexen. Im Premiumbereich von Heiratsannoncen werden Menschen wie er als „parkettsicherer Leistungsträger aus der Bildungselite“ beschrieben. Auf Englisch kann man das auch netter sagen: Er ist ein tough cookie – und ein smart guy dazu. 1974 wird Alexander Steinbeis in eine süddeutsche Unternehmerfamilie hineingeboren. Väterlicherseits verdient man gutes Geld mit einer Papierfabrik, die Recyclingprodukte für die Industrie liefert. Seine Mutter hat schöngeistigen Hintergrund, sie entstammt dem Adelsgeschlecht derer von Bülow, ist in direkter Linie mit dem legendären Wagner-Dirigenten und mit Loriot verwandt.

Als 14-Jähriger ergattert der pianistisch hochbegabte Alexander ein Stipendium für eine englische Privatschule. Nach dem Abitur gönnt er sich sechs Monate zum Herumreisen. Dann geht er für ein weiteres halbes Jahr nach Frankreich, um die Sprache zu lernen, bevor sein Bachelor-Studium an der London School of Economics beginnt. Anschließend wechselt er auf die Europäische Wirtschaftshochschule, die ihre Studenten jeweils für ein Jahr nach Paris, Oxford und Berlin schickt, inklusive ausgedehnter Praktika. In der französischen Hauptstadt verdingt sich Alexander Steinbeis bei einer Konzertagentur – und kommt gerade rechtzeitig, um ein Mega-Event mit vorzubereiten: Zum 70. Geburtstag des Cellisten Mstislav Rostropowitsch richtet Präsident Jacques Chirac eine Gala im Elysée-Palast aus.

Eines der drei Orchester, die an diesem Abend auftreten, leitet Seiji Ozawa. Der japanische Stardirigent wird auf den jungen Mann aus Deutschland aufmerksam, lädt ihn ein zu einem Praktikum bei seinem Boston Symphony Orchestra. Schnell wird eine Festanstellung daraus, Steinbeis organisiert mit zwei Kollegen die Logistik des künstlerischen Betriebs, ein Knochenjob mit lediglich zwei Urlaubswochen pro Jahr, weil das staatlich nur minimal subventionierte amerikanische Spitzenorchester auch im Sommer weiter Geld verdienen muss, beim berühmten Tanglewood Festival.

Verglichen damit herrschen in Berlin traumhafte Arbeitsbedingungen. Das DSO ist das stolzeste Pferd im Stall der ROC, der Rundfunkorchester und –chöre GmbH, einer Musikholding, die finanziell von Deutschlandradio, dem Bund, Berlin und dem RBB getragen wird. Natürlich gibt es auch hier Geldsorgen, doch im Wesentlichen können Ingo Metzmacher und Alexander Steinbeis die Projekte, die sie sich ausdenken, auch realisieren. Nachdem die vergangene Spielzeit unter dem Motto „Das Deutsche in der Musik“ in der Klassikszene zu so mancher emotionalen Aufwallung geführt hatte, geht es in dieser Saison nun um ein Ereignis der Kulturgeschichte, dessen Tragweite sich laut Metzmacher nur mit der Mondlandung vergleichen lässt: Vor genau 100 Jahren sprengte Arnold Schönberg das traditionelle Dur-Moll-System und erklärte alle Töne für gleichberechtigt.

Aus verschiedenen Richtungen wird das Orchester sich diesem anarchistischen „Aufbruch 1909“ nähern, wird die ästhetischen Entwicklungen in Russland, Österreich, Großbritannien und Deutschland miteinander vergleichen, dem ewigen Abonnentenschreck Schönberg die Werke konservativerer Zeitgenossen gegenüberstellen. Ein spannendes, komplexes, geistreich ersonnenes Projekt, das schließlich im Mai in einem Festival im (1909 als Kaufhaus eröffneten) Tacheles an der Oranienburger Straße gipfeln soll.

Zuvor allerdings steht noch eine gewichtige Entscheidung an: Die aktuellen Verträge von Metzmacher und Steinbeis enden im August 2010. Bis Mitte Februar müssen die ROC-Gesellschafter über eine Verlängerung entscheiden. Dabei wird es um Etatfragen gehen, vor allem aber auch um das nicht immer reibungsfreie Verhältnis des Orchesters zu seinem Chefdirigenten. Der Kulturmanager kann dem Ausgang der Verhandlungen entspannter entgegensehen als der Maestro. Leute wie er werden derzeit überall gebraucht.

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