Deutsches Symphonie-Orchester : Kenn’ ich nicht. Hör ich trotzdem

Ein Abend für Neugierige: Dirigent Christoph Eschenbach und Violinist Iskandar Widjaja zu Gast beim Deutschen Symphonie-Orchester.

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Der Berliner Geiger Iskandar Widjaja
Der Berliner Geiger Iskandar WidjajaFoto: Silke Woweries

Es ist eine pure Freude, in dieser Stadt Klassik-Fan zu sein. Nicht nur dank all der großartigen Künstler, die hier auftreten. Sondern auch, weil die enorme Vielfalt des Angebots die Institutionen dazu animiert, sich durch möglichst außergewöhnliche Programme voneinander abzuheben. So spielten am vergangenen Wochenende die Philharmoniker Ginasteras Harfenkonzert und Manuel de Fallas „Dreispitz“-Ballett, bei „Debüt im Deutschlandradio“ war das Azahar Ensemble mit Werken von Samuel Barber, Anton Reicha, György Ligeti und Paul Hindemith zu erleben, das Rundfunk-Sinfonieorchester bot Fazil Says „Gezi Park“- Konzert sowie Zemlinskys „Meerjungfrau“-Tondichtung. Und auch von den vier Stücken, die am Sonntag beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie auf den Notenpulten lagen, gehörten drei in die Kategorie „Rarität“.

Neugier beim Publikum wie bei den Interpreten ist da gefordert. Beispielsweise für Hindemiths amerikanische Symphonie. Die schrieb der Exilant 1940 unter dem Eindruck der brillanten Klangkultur des Boston Symphony Orchestra. Viel Glanz vermag auch das DSO unter der Leitung von Christoph Eschenbach zu entfalten. Einen Sound, der vor dem inneren Auge sofort die typischen US-Skylines entstehen lässt.

Von Großstadtgetriebe und nervöser Vitalität erzählt der kraftvoll auftrumpfende Kopfsatz, spiegelnde Hochhausfassaden im Abendlicht evozieren die massiv geballten Bläser zu Beginn des langsamen Satzes. Weit ufert der aus, in typisch Hindemithscher Manier, kunstvoll kontrapunktisch gearbeitet, herb, ja distanziert im Ton. Sehr stringent, mit kluger Weitsicht führt Eschenbach die Musiker auch durch die Partitur – und vermag dann doch nicht zu verhindern, dass sich letztlich der Eindruck des Monotonen einstellt – eben wie beim Anblick moderner Metropolen.

Wunderbar farbsatt und packend sinnlich entfaltet sich Richard Strauss’ „Till Eulenspiegel“: Eschenbach hat keine Scheu, es hier richtig krachen zu lassen, und die DSO-Musiker steigen nur zu gerne auf diese hedonistische Lesart ein, sehr zur Freude des Publikums.

Der junge Geiger sucht nach größtmöglicher Innigkeit

Ganz am anderen Ende der Ausdrucksskala bewegt sich Iskandar Widjaja, der Solist des Abends. Das fadenfeine Pianissimo ist seine Spezialität, in Henryk Wieniawskis 2. Violinkonzert wie auch in Schumanns Fantasie Opus 131 wagt er es, selbst auf die wuchtigsten Orchesterattacken mit allerzartesten Kantilenen zu antworten.

Man kann sich den Berliner mit indonesischen Wurzeln, der an der hiesigen Universität der Künste studiert hat, als tollen Kammermusikpartner vorstellen. Weil er bewusst die Kommunikation mit seinen Mitspielern sucht, aufmerksam den Stimmen der anderen nachlauscht. Bei zwei Werken allerdings, die Virtuosenvehikel sein sollen, die ganz auf den Effekt hin komponiert sind, wirkt Widjajas Suche nach größtmöglicher Innigkeit eher kontraproduktiv. Wo Wieniawski wie Schumann aber mal Momente der Ruhe vorgesehen haben, da nimmt der junge Geiger für sich ein, mit seiner sensiblen Detailversessenheit – und einem charmant-jünglingshaften Sinn für kitschfreie, authentische Romantik.

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