Deutsches Theater Berlin : Prekariatsfolklore

Dea Loher hat ein „Gaunerstück“ geschrieben. Bei der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin müht man sich nach Kräften, ein schön schmuddeliges Ambiente für dieses Kleine-Leute-Stück zu schaffen.

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Barmende Zwillinge: Judith Hofmann als Maria und Miquel de Jong als Jesus Maria.
Barmende Zwillinge: Judith Hofmann als Maria und Miquel de Jong als Jesus Maria.Foto: dpa

„Prekäre Herkunft, aber gesunder Humor“, fasst die Leopardenrockträgerin Maria ihre biografische Situation zusammen. Über Letzteres ließe sich streiten. Ersteres allerdings stimmt: Die Mutter säuft, der Vater hat früh das Weite gesucht. Und jetzt hockt Maria mit ihrem Zwillingsbruder Jesus Maria (sic!) in einer malerisch heruntergekommenen Bude fest, hält sich mit Zeitjobs über Wasser und träumt von einem „superschönen Leben“. In direkter Nachbarschaft ko-träumt weiteres symbolhaltiges Personal, das „Porno-Otto“ oder „Madame Bonafide“ heißt und entweder schwer erkrankt oder mit Tarot-Karten und Goldfischen in schlecht riechenden Aquarien zugange ist. So weit die Grundkoordinaten von Dea Lohers „Gaunerstück“, das die niederländische Regisseurin Alize Zandwijk jetzt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters urinszeniert hat.

In puncto optischer Prekariatsfolklore wird dabei an der Schumannstraße keine Mühe gescheut: Hingebungsvoll lässt Ausstatter Thomas Rupert giftgrünen Putz von den Wänden des Bühnenkastens blättern. Auch dem Verschmuddelungsgrad des zentralen Matratzenlagers ist die redliche Anstrengung anzusehen, allerhöchsten Authentizitätsansprüchen zu genügen. Beziehungsweise dem, was das (Deutsche) Theater offenbar dafür hält: „Gaunerstück“ ist der gefühlt fünfzigste Abend, an dem man sogenannte „kleine Leute“ in pittoresk abgerockten Szenarien herzallerliebste Stehaufmännchen spielen sieht. Im aktuellen Fall stehen zusätzlich Waschmaschinen herum, weil die Mutter der biblischen Zwillinge einst als Wäscherin gearbeitet hatte und sich ein prekärer Kopf außerdem immer gut in die frontale Luke stecken lässt.

In konsequenter Tateinheit mit dem Ausstatter vermeidet auch die Regisseurin jedwede Originalität. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit der choreografischen Fallfigur, einem Klassiker der Prekariatsbebilderung, der sich mittlerweile redlichen Veteranenstatus erarbeitet hat: Ist von Geld- und Zukunftssorgen die Rede, sacken den Schauspielern zuverlässig die Beine weg. Stehen sie dann wieder, rennen die Jungs gern gegen die Wände oder springen mit langem Anlauf auf die Matratzenlager, während die Mädels mit Betroffenheitsanleihen beim sterbenden Schwan elegisch an den Waschmaschinen niedersinken.

Beppe Costa, der in seiner Doppelrolle als Porno-Otto und Atmo-Maker auf einer Art urbanem Penner-Lager daneben hockt, sorgt für die jeweils passende musikalische Untermalung.

Und weil es sich bei dieser „Gaunerstück“-Uraufführung um eine Koproduktion des DT mit dem Rotterdamer Ro- Theater handelt, dessen künstlerische Leitung Alize Zandwijk innehat, sind die Zwillinge jeweils doppelt besetzt: Gastschauspielerin Fania Sorel teilt sich den Maria-Part mit DT-Ensemblemitglied Judith Hofmann. Und Jesus Maria wird von Hans Löw und Miquel de Jong geschultert – was den recht papieren anmutenden Loher-Figuren allerdings auch nicht wesentlich vitalitätssteigernd auf die Beine hilft. Zandwijk gelingt nämlich das Kunststück, aus der Verdoppelung wirklich keinerlei nennenswerten Mehrwert zu entwickeln.

Also ruhen nicht nur bei den Zwillingen, sondern auch beim Publikum alle Hoffnungen auf jener ominösen Erscheinung namens „Wunder“. Bei Loher tarnt sich das Mirakel als Juwelier mit polierten Fingernägeln, der – immerhin – ein klein wenig Action ins Geschehen bringt. Herr Wunder, den Elias Arens in einer sehr eigenen Stilmixtur aus Breakdance und Tourette-Syndrom an die Rampe tänzelt, schlägt den Zwillingen – vermeintliche Win-win-Situation – nämlich einen folgenschweren Versicherungsbetrugsdeal vor. Und da die beiden nicht gestorben sind, werden sie wohl bald in der nächsten „Kleine Leute“-Inszenierung den Restputz von den Wänden kratzen.

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