Deutsches Theater : Segeln über den Hindukusch

Politfarce: „Die lächerliche Finsternis“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

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Feindkontakt. Die Bundeswehrsoldaten Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) im Krisengebiet.
Feindkontakt. Die Bundeswehrsoldaten Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) im...Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

Missmutig schippern Oliver Pellner, Hauptfeldwebel der Bundeswehr, und Unteroffizier Stefan Dorsch in den Kammerspielen des Deutschen Theaters den Hindukusch hinauf. Jawohl, den Hindukusch. Der ist in Wolfram Lotz’ Stück „Die lächerliche Finsternis“ kein Gebirge, sondern ein Fluss, wie Alexander Khuon als Pellner uns dümmlich-selbstgewissen Blickes belehrt. Die beiden Militär-Macho-Karikaturen, die in Daniela Löffners Inszenierung tatsächlich in grünen Uniformen stecken und ständig auf Bananen herumkauen, sind dort in Spezialmission unterwegs. Sie suchen den abtrünnigen Kollegen Deutinger. Der hat aus rätselhaften Gründen zwei Kameraden getötet und soll daher liquidiert werden.

Dass diese Handlungskoordinaten ziemlich vertraut wirken, ist natürlich dramatische Absicht. „Nach Francis Ford Conrads ,Herz der Apokalypse‘“, steht als Untertitel unter Wolfram Lotz’ Stück. Joseph Conrads Novelle „Das Herz der Finsternis“ von 1899, in der Kapitän Marlow für eine belgische „Handelsgesellschaft“ den Kongo hinauffährt, um den brutalen Elfenbeinagenten Kurtz ausfindig zu machen, dient Lotz gleichermaßen als Folie wie Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse now“. Der aktualisierte Conrad 1979 vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges.

Das Stück wird bereits im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt

In Lotz’ hintergründiger Politfarce verschwimmen Afrika, Ex-Jugoslawien und der Hindukusch zu einem global-fiktiven Krisengebiet, in dem sich der gemeine Mitteleuropäer à la Pellner – siehe Stücktitel – vor allem ziemlich lächerlich ausnimmt. Denn natürlich geht es um uns und unsere Klischeeproduktionen. Dabei aktualisiert und akzentuiert „Die lächerliche Finsternis“ ihre Vorlagen so intelligent, dass sie zu Recht im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt wird. Das Berliner Deutsche Theater ist nach dem Wiener Akademie- und dem Hamburger Thalia-Theater bereits das dritte Haus, das das Stück des 33-jährigen Autors aufführt. In Kürze kommen weitere hinzu: ein gegenwartsdramatischer Seltenheitsfall.

Leicht haben es die Nachinszenierenden allerdings nicht. Denn der Uraufführungsregisseur Dušan David Parízek hat im September in Wien einen veritablen Wurf vorgelegt. Er lässt „Die lächerliche Finsternis“ zu höheren Verfremdungszwecken ausschließlich von vier Schauspielerinnen schultern. Und die erschöpfen sich eben nicht in dumpf-krachlederner Macho-Mimesis, sondern entstellen ihre Figuren mit komplexer Karikaturkunst tatsächlich so klug wie lässig zur Kenntlichkeit. Zudem reflektiert die Wiener Inszenierung – ein zentraler Punkt bei Lotz – ständig ihre eigene Theaterverfasstheit mit.

Dagegen mutet Daniela Löffners Inszenierung in der DT-Kammer ziemlich vordergründig an. Alexander Khuon steht als Hauptfeldwebel Pellner stets tumb-starren Blickes am Mast seines Schiffes, das Ausstatterin Claudia Kalinski aufwendig aus Plastikplanen gebaut hat. Die bizarre Zeitgenossenriege, der Pellner und Dorsch auf ihrer Mission begegnen und die im DT komplett von Kathleen Morgeneyer übernommen wird, kommt nicht weniger plakativ daher. Der italienische Uno-Kommandant und Hygiene-Neurotiker Lodetti etwa, der sich darüber beklagt, dass „die Eingeborenen“ keine Klobürsten benutzen, lädt zur Pizza und wirft die Teigreste anschließend ins Publikum.

Und der amerikanische Missionar, der sich vor allem deshalb am Islam stört, weil er „die Mädchen“ zwinge, ihre „herrlichen schlanken Beine zu verhüllen“, entert als bebrillte Tropenhelmwitzfigur mit ausgestopftem Schwabbelbauch überm Caprihosenbund das Szenario. Kurzum: Wo Parízeks Karikaturen zu Figurenkernen vordringen, hält Löffners plattes Typenkabarett sie uns vom Leib. Dass die Regisseurin gelegentlich noch ein paar Einfühlungstöne einschleust – etwa im „Prolog des somalischen Piraten“, den das von „englischen, holländischen, amerikanischen, deutschen Fischflotten“ leergefischte Meer zum „Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule von Mogadischu“ getrieben hat – macht die Sache nicht besser. Schade, dass lediglich Moritz Grove als gutwillig-einfältiger Unteroffizier Dorsch bisweilen in erhellendere Figurenzeichnungsgefilde vordringen darf.

Wieder am 21.12., 20 Uhr und am 27.12., 19.30 Uhr

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